PTBS, Dissoziative und Angststörung, Borderline & Depression: What doesn’t kill you makes you stranger! – Joker (Batman, The Dark Knight)

Betroffene: Annika Moon
Jahrgang: 1982
Diagnose: PTBS, Dissoziative Störung, Borderline, Depression, Angststörung
Therapie: tiefenpsychologische Psychotherapie
Ressourcen: Partner, Freunde, Schreiben, diverse Skills

 

Wie und wann hast du von deiner Störung erfahren?

Dass etwas mit mir nicht so ganz stimmt, wurde mir spätestens bewusst, als ich mit 13 in die Magersucht gerutscht bin, schwer depressiv wurde und mich selbst immer wieder verletzt hatte. Damals war ich nicht in Therapie, mir war aber klar, dass ich krank bin. Ich wusste meine Symptome nur nicht einzuordnen.

Meine erste Therapeutin, ich war damals Anfang 20, wollte mir nicht sagen, was ich habe, weil sie der Meinung war, ich wäre zu jung, um mit einer Diagnose richtig umgehen zu können.

Auch wenn ich meine Therapeutin mochte – ich halte ihre Entscheidung für falsch. Mir hat es geholfen, als das “Kind” einen Namen bekommen hatte. Nachdem ich mit Ende 20 meine Diagnose erhielt, wurden die Dinge klarer, greifbarer, berechenbarer und nicht zuletzt behandelbarer. Erst seitdem ich weiß, was ich habe, kann ich mich wirklich auf meine Therapie einlassen.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Weil mir die Tabuisierung von psychischen Krankheiten extrem gegen den Strich geht. Dieses Tabu passt nicht zu einer aufgeklärten Gesellschaft, und es ist extrem schädlich für Betroffene. Solange psychisch Kranke von der Gesellschaft stigmatisiert werden, schweigen die meisten Betroffenen. Weil kaum jemand drüber spricht, wird der Austausch ausgebremst. Und die Hemmschwelle, sich psychische Probleme einzugestehen und Hilfe zu holen, ist für viele hoch und schwer zu überwinden.

Ich glaube, als Betroffene öffentlich Gesicht zu zeigen, kann eine der wirkungsvollsten Methoden sein, gegen das Stigma anzugehen. Je mehr Menschen da mitziehen, desto besser.

Ich verstehe allerdings auch, dass viele nicht öffentlich zu ihren psychischen Erkrankungen stehen,weil sie um ihren Job fürchten oder weil die Angst vor sozialer Ausgrenzung sie davon abhält – beides ist leider nicht unbegründet.

Darum ist es umso wichtiger, sich als Betroffener zu zeigen. Denn man tut es stellvertretend für viele, die aus Angst schweigen.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Wenn ich mich diesbezüglich jemandem geöffnet hatte – und das betraf nur sehr wenige Personen – gab es verschiedene Reaktionen. Unverständnis und Ungläubigkeit waren dabei vermutlich die, die mich am meisten belastet haben – und die dazu beigetragen haben, dass ich das Thema weiterhin möglichst gut unter „Verschluss“ hielt.

Bis ich mich auf meinem Blog “geoutet” habe. Weil ich mich mit meinem Schweigen so eingeengt, eingequetscht und falsch gefühlt habe. Über das Schreiben habe ich natürlich keine direkten Reaktionen mitbekommen, keine Mimik, keine spontanen Worte. Mich erreichten aber viele Kommentare und Nachrichten. Sehr viel Positives!

Vermutlich ist es für Menschen, die einen nicht persönlich kennen, einfacher, solche Diagnosen zu akzeptieren. Vielleicht, weil sie bei sich selbst keine Schuld suchen. Vielleicht, weil Gedanken wie „Hätte ich etwas merken oder tun müssen?“ nicht aufkommen.

Mittlerweile ist da niemand mehr, der versucht, mir meine Störungen „auszureden“ – was natürlich eh nicht funktioniert und vermutlich einfach ein Zeichen von Überforderung derjenigen war, die so reagiert haben. Mittlerweile reagiere ich auch wirklich allergisch auf solche Versuche. Es war für mich nicht einfach, mich mit meinen Diagnosen zu arrangieren, da brauche ich niemanden, der mir einreden möchte, dass da doch gar nichts ist.

Was ich mir von meinem Umfeld wünsche, ist Akzeptanz der Dinge, so wie sie sind. Dass ich so, wie ich bin akzeptiert werde. Mit Mitleid hingegen kann ich nichts anfangen, das irritiert und stört mich eher sehr. In den meisten Fällen verhält sich mein Umfeld aber mittlerweile sehr positiv, das kann von mir aus so bleiben.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Meine Krankheitsbilder sind entstanden, weil ich nur so überleben konnte. So sagt es zumindest meine Therapeutin. Dieser Gedanke ist hilfreich, weil es den Sinn dieser Störungen beleuchtet und mir hilft, die Symptome zu verstehen. Generell ist es für mich sehr wichtig, professionelle Hilfe zu bekommen. Nur in diesem Rahmen (und natürlich von anderen Betroffenen) können meine Probleme wirklich verstanden werden. Ohne Fachwissen wäre es extrem schwierig, vielleicht unmöglich, einen guten Weg für mich zu finden.

Und was mir in letzter Zeit sehr geholfen hat, meine Störungen zu akzeptieren, war, sie öffentlich zu thematisieren. Das war für mich ein bedeutender Schritt, weil ich mir damit selbst gezeigt habe, dass ich zu mir und meinen Baustellen stehe. Und weil ich meinen Teil dazu beitragen möchte, das Tabu um psychische Krankheiten zu bekämpfen. Ich habe meinen Blog als Weg gewählt, weil ich einfach deutlich besser schreiben als reden kann. Manche Dinge wollen einfach nicht aus meinem Mund. Seit dem Blogpost ist meine Sprachblockade in dieser Hinsicht etwas gelockert und ich fühle mich mehr im Reinen mit mir selbst. Vielleicht, weil ich mein eigenes Leugnen so gestoppt habe.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Ich habe theoretisch diverse Skills, von denen ich Gebrauch machen kann. Die praktische Anwendung in wirklich schlechten Situationen ist aber nicht immer so leicht. Daher versuche ich mit ausreichend Selbstfürsorge sicherzustellen, dass meine Ressourcen möglichst stark sind und ich so gut es geht stabil bleibe. Der Umgang mit Skills ist aber dennoch extrem wichtig. Für mich ist es elementar, viel über meine Krankheitsbilder zu wissen, meine “innere Struktur” so gut wie möglich zu kennen und zu wissen, auf was ich wie reagiere und welche Skills mir wann helfen können.

Auch wenn ich mich bei meiner Stabilisierung hauptsächlich auf mich selbst verlassen soll und möchte, gehören andere Menschen auch zu meinen Ressourcen. Vor allem meine beste Freundin und mein Mann. Zu den beiden war ich schon immer sehr offen und sie haben mich oft aufgefangen.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Holt euch professionelle Hilfe. Redet mit Menschen, die euch verstehen. Wer euch nur Vorwürfe macht, weil ihr nicht funktioniert, versteht nichts.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir
(einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Kein noch so liebevoller Partner, kein besorgtes Familienmitglied und keine engen Freunde können professionelle Hilfe ersetzen. Angehörige können meiner Meinung nach am besten helfen, indem sie aufmerksam zuhören, indem sie da sind, ohne zu verurteilen. Und indem sie helfen, professionelle Hilfe zu bekommen. Denn das ist leider manchmal gar nicht so einfach. Erst recht nicht, wenn die oder der Betroffene in einem Tief steckt und selbst kaum handlungsfähig ist.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Das sind zwei extrem schwer zu beantwortende Fragen. Was mir dazu nach längerem Überlegen am ehesten einfällt: Ungerechtigkeit macht mich oft ziemlich wütend – das finde ich positiv an mir. Und ich habe nicht das Bedürfnis, jedem zu gefallen. Das ist vielleicht das Gesündeste an meiner Psyche. 😉
Annika bloggt auf: Annika Moon und ist bei Facebook und Instagram.