IWS – In Würde zu sich stehen

Mein Name ist Claudia Schulz. 2005 erkrankte ich an einer Depression, die mich über zehn Jahre immer wieder mit depressiven Phasen und langen stationären Aufenthalten herausforderte. Rückblickend war nicht nur die Krankheit selbst schwer – fast noch belastender war es, den Vorurteilen anderer zu begegnen und diese nach und nach selbst zu verinnerlichen. Ich begann, mich für meine Erkrankung zu schämen, mich schuldig zu fühlen und mich selbst abzuwerten. Es war ein langer Weg, meine Erkrankung, als das anzuerkennen, was sie ist – eine ernstzunehmende Erkrankung – und nicht als Ausdruck einer Charakterschwäche.

Damals habe ich mich für eine vollständige Offenlegung entschieden, doch oft hätte ich mir einen geschützten Raum gewünscht, in dem ich mich austauschen kann und in dem mir aufgezeigt worden wäre, welche weiteren Möglichkeiten es gibt. Es hätte mir sehr geholfen zu erfahren, dass ich nicht allein bin. Rückblickend wäre ich sehr dankbar gewesen, selbst am Gruppenprogramm IWS teilnehmen zu können.

Ich lebe und arbeite jeden Tag mit einer psychischen Erkrankung. Und ich stehe zu mir – so wie ich bin, mit all meinen Stärken, meinen Schwächen und meiner Geschichte.

 

Weitere Infos zu Claudia

Claudia hat bei Mutmachleute einen Betroffenenbeitrag und einen Beitrag als Expertin verfasst.

 

Das Programm „In Würde zu sich stehen“

 

Das Stigma der psychischen Erkrankung

Öffentliches Stigma zeigt sich in Ausgrenzung, abwertenden Bildern und Vorurteilen gegenüber psychisch Erkrankten. Viele Betroffene übernehmen diese Vorurteile und entwickeln Selbststigma, indem sie sich selbst als schwach oder minderwertig empfinden. Gerade diese Zusammenspiel aus öffentlichem Stigma und Selbststigmatisierung macht die Frage der Offenlegung so komplex und belastend: Wem erzähle ich von meiner Erkrankung? Kolleginnen und Kollegen, Freund*innen – oder niemanden? Und wie kann ich darüber sprechen, ohne mich verletzlich zu fühlen?

In Würde zu sich stehen (IWS)

„In Würde zu sich stehen“ (IWS) heißt ein Programm, das vor rund 15 Jahren von Patrick Corrigan in Chicago entwickelt und von Nicolas Rüsch für den deutschsprachigen Raum etabliert wurde. Es richtet sich an Menschen mit psychischen Erkrankungen, die sich mit der sehr persönlichen und oft belastenden Frage auseinandersetzen müssen: Soll ich meine Erkrankung offenlegen – oder nicht?
Das Programm unterstützt Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei, eine für sie stimmige Entscheidung für oder gegen eine Offenlegung zu treffen – immer abhängig vom individuellen Kontext. IWS wird von geschulten Betroffenen geleitet und umfasst vier Sitzungen à zwei Stunden.
Im Austausch mit anderen Betroffenen sowie durch die bewusste Auseinandersetzung mit Vor- und Nachteilen können ganz individuelle Entscheidungen entstehen. Dabei steht die richtige Entscheidung für die eigene Situation im Vordergrund. Mit Hilfe eines konkreten Handwerkszeugs – etwa eines Fragenkatalogs – werden die Teilnehmenden dabei unterstützt, sich darüber klar zu werden, was ihnen wichtig ist, welche Ziele sie mit einer Offenlegung verbinden und welche Konsequenzen diese haben könnte.

Auch heute noch werden Menschen mit psychischen Erkrankungen stigmatisiert. IWS macht Mut, eine bewusste, freie und wohlüberlegte Entscheidung zu treffen – auch dann, wenn diese gegen eine Offenlegung ausfällt. Denn Offenlegungen sind nicht umkehrbar. Sich dagegen zu entscheiden, ist ebenso ein Ausdruck von Selbstfürsorge und Stärke.

Eine große Studie an neun verschiedenen Standorten zeigt, dass IWS Selbststigma und depressive Symptome reduziert und die Lebensqualität verbessert. Vor allem aber erleben viele Teilnehmende eines: Sie sind nicht allein – und sie dürfen in Würde zu sich selbst stehen.

Nicolas Rüsch, Professor für Public Mental Health an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm am Bezirkskrankenhaus Günzburg und Leiter der IWS Studie, betont, dass das Stigma psychischer Erkrankungen nach wie vor groß ist. Obwohl viele Menschen betroffen sind, auch Prominente offen über ihre Erkrankungen sprechen und „Mental Health“ in sozialen Medien zunehmend Thema ist, bestehen nach wie vor starke Vorurteile – insbesondere bei Erkrankungen wie Schizophrenie oder Suchterkrankungen, bei denen das Stigma sogar zugenommen hat.

„Ich bin nicht allein. Ich entscheide selbst, wem ich von meiner psychischen Erkrankung erzähle – und was ich teile. Egal, wie meine Entscheidung aussieht, ich stehe in Würde zu mir.“

 

Weiterführende Informationen

Auf der Internetseite des so wertvollen Programms IWS findet Ihr alle weiteren Informationen, Kontaktmöglichkeiten und vieles mehr.

 

Erste IWS-Tagung für den deutschsprachigen Raum

Bei der zweitägigen Tagung am 22. und 23. Oktober 2026 in Ulm werden Menschen mit psychischen Erkrankungen und Fachkräften Wege gezeigt, wie Selbststigma reduziert wird und Teilhabe gestärkt werden kann – etwa durch Erfahrungsberichte, wissenschaftliche Ergebnisse und praxisnahe Workshops. Das ganze Programm der Tagung findet Ihr hier.

Am Freitag, den 23. Oktober 2026 dürfen wir vom Mutmachleute e.V. uns dort vorstellen und unsere Arbeit im Kontext von Entstigmatisierung und psychischer Gesundheit präsentieren.

 

(c) Beitragsbild: IWS

 

Buchtipp: Das Stigma psychischer Erkrankung

In „Das Stigma psychischer Erkrankung“ erläutert Nicolas Rüsch anhand von Forschung, Fallbeispielen und Studien, wie öffentliche Vorurteile, Selbststigma und strukturelle Diskriminierung Menschen mit psychischen Erkrankungen in Alltag, Arbeitswelt und Gesundheitssystem belasten und oft stärker wirken als die Symptome selbst. Es verbindet wissenschaftliche Analysen mit praxisnahen Strategien zur Entstigmatisierung – inklusive konkreter Antistigma-Ansätze, Berichten von Betroffenen und hilfreichen Tipps für Fachkräfte, Angehörige und alle, die psychische Gesundheit besser verstehen wollen. Dieses Buch ist sowohl für Fachleute als auch für Laien eine fundierte und zugleich zugängliche Lektüre, die zum Nachdenken anregt und Motivation bietet, gegen Vorurteile aktiv zu werden.

Prädikat: Absolut wertvoll und empfehlenswert!