Komplexe PTBS, Depressionen: Meine Erkrankung begleitet mich, aber sie bestimmt mich nicht.

Betroffene: Claudia Schulz
Jahrgang: 1967
Diagnosen: komplexe PTBS, Depressionen
Therapien: stationäre Klinikaufenthalte, Traumatherapie, Verhaltenstherapie
Ressourcen: Lesen, Reisen

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?

2005 folgte mein erster körperlicher und emotionaler Zusammenbruch. Ich spürte eine tiefe Traurigkeit, fühlte mich wertlos und als Belastung für meine Familie. Eine körperlich sichtbare Diagnose wäre mir in dieser Zeit lieber gewesen.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich zeige nun Gesicht, um anderen Mut zu machen, sich Hilfe zu holen. Ein glückliches und sinnvolles Leben ist auch mit oder nach einer psychischen Erkrankung möglich. Mit meiner Offenheit möchte ich Hoffnung geben und Vorurteile abbauen.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Die Krankheit zu akzeptieren war für mich ein langer Weg. Es war kein einzelner Moment, sondern ein Prozess über viele Jahre.
Sehr geholfen hat mir die therapeutische Begleitung. Eine besonders entlastende Erkenntnis war für mich: Jeder Mensch, der unter denselben Bedingungen dasselbe erlebt hätte wie ich, hätte wahrscheinlich ähnlich gedacht und sich ähnlich verhalten. Das hat mir geholfen, Mitgefühl mit mir selbst zu entwickeln und mich nicht länger zu verurteilen.
Ebenso wichtig waren Zeit und die Bereitschaft zur ehrlichen Selbstreflexion und Veränderung. Ich musste lernen, mich selbst wirklich anzuschauen – mit meinen Mustern, meinen Ängsten und auch meinen Verletzungen.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Ich habe gelernt, Überlastung früher zu erkennen und dann auch klar „Nein“ zu sagen. Diese Fähigkeit, meine Bedürfnisse ernst zu nehmen und rechtzeitig zu handeln, ist für mich eine der wichtigsten Ressourcen im Umgang mit Krisensituationen. Dabei helfen mir regelmäßige Selbstreflexion, das bewusste Wahrnehmen von Warnsignalen und ein achtsamer Umgang mit meinen eigenen Grenzen.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Mir ist es wichtig zu zeigen, dass man mit einer psychischen Erkrankung nicht allein ist – und dass es Wege aus der Krise gibt. Sich Hilfe zu holen ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke. Ich möchte jedem Menschen, der betroffen ist, sagen: Du bist mehr als deine Erkrankung. Sie definiert weder deinen Wert noch deine Fähigkeiten oder deine Zukunft.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Grenzt euch ab und achtet gut auf euch selbst. Selbstfürsorge ist keine Egoismus, sondern Voraussetzung dafür, langfristig unterstützen zu können.
Versucht nicht zu therapieren oder zu bewerten. Oft hilft es am meisten, einfach da zu sein – präsent, zugewandt und ohne Druck. Echte Präsenz und verlässliche Nähe sind wertvoller als gut gemeinte Ratschläge.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich glaube, was meinen Charakter am meisten ausmacht, ist die Fähigkeit, mich selbst – und auch die Welt – nicht immer ganz so wichtig zu nehmen. Ein bisschen Humor über sich selbst wirkt oft Wunder. Besonders schätze ich an mir meine Dankbarkeit, meine Empathie und meine Achtsamkeit. Ich nehme Stimmungen und Zwischentöne sehr bewusst wahr und versuche, anderen mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Und wenn es doch einmal chaotisch wird, hilft mir mein innerer Humor, die Dinge wieder ins rechte Licht zu rücken.

 

Claudia hat auch einen Beitrag als Erfahrungsexpertin bei Mutmachleute geschrieben sowie einen Artikel zum Programm IWS – In Würde zu sich stehen.