Mutmachleute TinaM

Angststörung & Depressionen: Lass deine Angst dich nicht davon abhalten zu sein, wer du wirklich bist.

Betroffene: Tina
Jahrgang: 1991
Diagnose: Generalisierte Angststörung, Selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstörung, Rezidivierende Depression
Therapie: Verhaltenstherapie
Ressourcen: Kunst (Zeichnen), Schreiben, Freunde, Musik, Humor

 

Wie und wann hast du von deiner Störung erfahren?

Während eines Aufenthalts in einer psychosomatischen Klinik im Sommer 2018 und in meiner Verhaltenstherapie habe ich von meinen Diagnosen erfahren.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich habe es satt, dass psychische Erkrankungen noch immer belächelt werden. Ich möchte, dass endlich damit begonnen wird, das „Unsichtbare“ greifbarer zu machen.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Ich denke, dass es schwer war: Viele haben sich Sorgen gemacht. Klar – es ist nicht leicht. Aber ich weiß, dass mein Umfeld sich große Mühe gibt, mich zu verstehen und für mich da zu sein. Ich wünsche mir viele Nachfragen und Empathie.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Ich würde sagen, dass der Klinikaufenthalt und der offene Umgang sowie Defusionsstrategien (1) mir enorm geholfen haben. Ich wusste nie, was mit mir los ist und konnte es auch anderen nicht erklären. Das frustriert natürlich und hat noch mehr an meinem Selbstbewusstsein gekratzt. Meine Diagnosen machen für mich verständlicher, welche Lebenssituationen Auslöser für meine Emotionen, meine Gedanken und mein Verhalten waren/sind.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Wenn ich mich in einem Tief befinde, versuche ich meine Niedergeschlagenheit zu durchbrechen und etwas zu unternehmen, was MIR guttut (Essen, Rausgehen, Austausch mit Freunden). Das klappt nicht immer, aber wichtig sind jene Momente, in denen es gelingt. Insbesondere das Malen von Bildern gibt mir viel Kraft und Ruhe.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Das Leben verlangt von uns, oft Dinge wegzustecken, für die wir gar keine Taschen haben – aber es gibt Menschen, die euch beim Tragen helfen.
Ihr seid nie alleine, auch wenn es sich oft so anfühlt. Gebt euch Zeit und lasst euch von niemandem vorgeben, in welchem Tempo ihr zu leben habt.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Gefühle sind erlaubt. Wir können sie nicht abstellen. Sie sind nun einmal da und prägen uns – je nachdem, was wir erlebt haben und welche Erfahrungen wir gemacht haben.

Ratschläge, wie: „Hör auf zu weinen“, oder „Sei nicht so sensibel“, oder im schlimmsten Fall: „Du bildest dir das nur ein!“ können Betroffene extrem unter Druck setzen und das Gefühl geben, zu übertreiben oder nicht ernstgenommen zu werden.
Seht auch einmal über euren Tellerrand hinaus. Vielleicht sind gewisse Situationen für EUCH nicht schlimm. Aber geht davon aus, dass wir alle unterschiedlich sind. Jeder fühlt, denkt und handelt anders. Die Welt ist bunt und nicht nur schwarz oder weiß. Gefühle und Annahmen über das Leben können sooo unterschiedlich sein und voneinander abweichen. Und das ist auch gut so.
Versucht, nicht immer zu funktionieren und euch hinten anzustellen. Gebt euch selbst nie auf, um für euren Partner/Familienmitglied/Freund da zu sein. Seid ehrlich und offen, wenn ihr überfordert sein. Wenn ihr etwas nicht versteht – fragt nach und tauscht euch mit Gleichgesinnten aus.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich denke, mein Charakter weicht von dem ab, was mein Äußeres erzählt. Ich wurde schon als „taffes Mädel“ betitelt, als es um den ersten Eindruck ging (Tattoos, Piercings, etc.). Bei diesen Aussagen muss ich schmunzeln. Es ist mir egal, was andere über mein Aussehen denken. Über meine Persönlichkeit denke ich da schon anders. Ich möchte ein guter Mensch sein und stehe zu der Devise: „Behandle andere, wie du selbst behandelt werden möchtest.“ Ich bin sensibel und empathisch und kann Emotionen und Gefühle anderer erspüren. Zudem bewahre ich mein inneres Kind. Man ist nie zu alt, um im Regen zu tanzen oder auf Spielplätze zu gehen.

Das war jetzt ganz schön viel Positives, oder? 😉

 
(1): Die kognitive Defusion ist eine Strategie in der Therapie, die durch bestimmte Techniken problematischen Wörtern und Gedanken durch Aufbrechen sprachlicher Regeln ihre Bedeutung nimmt. Damit werden unerwünschte Funktionen negativer Gedanken unterbunden und überprüft, ob Gedankeninhalte einer objektiven Wirklichkeit entsprechen.