Schizophrenie, Zwangsstörung, generalisierte Angststörung: In jeder Krise steckt eine Chance!

Betroffener: Niko Habicht

Jahrgang: 1982

Diagnosen: paranoide Schizophrenie, Zwangsstörung, generalisierte Angststörung

Therapien: Betreung durch die PIA meines Krankenhauses, Psychotherapie bei der ICF Beratungsstelle

Ressourcen: Lesen, bloggen, Buchautorschaft, Engagement in Foren, tanzen, singen, Gitarre, Improtheater, Sport

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?

Es war ein sehr schleichender Prozess, 2006 studierte ich in Ulm. Das Studium hat mich sehr überfordert und ich bin nächtelang durch die Stadt spaziert und war in meiner Gedankenwelt versunken. Es hat ein Jahr gedauert bis ich professionelle Hilfe und die Diagnose „paranoide Schizohrenie“ und Medikamente bekam. Mein erstes Medikament war Zyprexa. Ich ging in eine Tagesklinik in Ulm. 2007 bin ich zurück nach Stuttgart gezogen.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Es ist mir ein großes Anliegen, psychisch Kranke zu unterstützen und ein Vorbild zu sein. In meiner 20-jährigen Expertise zum Thema Psychosen und Schizophrenie bin ich zum Experten durch Erfahrung avanciert. Seit 2023 betreibe ich meinen Blog, der inzwischen 90 Beiträge stark ist und von Betroffenen und Fachpersonal durchweg positiv bewertet wurde. Hier schreibe ich regelmäßig über die Themen Schizophrenie, Bewältigungsstrategien und Tools, erzähle meine Genesungsgeschichte, mache Betroffenen und Angehörigen Mut.

Dazu erscheint im März mein begleitendes Fachbuch „Die Seele will gesund werden – Impulse für ein erfolgreiches Leben mit Schizophrenie“ beim renommierten Vandenhoeck & Ruprecht Verlag. Ich gehe mit Blog und Buch nun an die Öffentlichkeit, um mich als Mental Health Experte zu positionieren, dafür bin ich intensiv am netzwerken. Nächstes Jahr möchte ich die Fortbildung bei Ex-IN zum Genesungsbegleiter machen und mich weiter für kranke Menschen zu engagieren.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?

Die Rückmeldungen waren gemischt. Meine Mutter machte sich sehr große Sorgen und konnte mit meiner Krankheit nicht gut umgehen und hat mir viele Vorwürfe gemacht. Sie fühlte sich machtlos und hilflos, dass ihr geliebtes Kind so leidet. Aber sie tat ihr Möglichstes, um mir zu helfen. Freunde und meine damalige Partnerin waren hingegen eine sehr große Unterstützung. Hier geht es denke ich um das Thema „gelassen begleiten“.

In der Arbeitswelt stieß ich oft an meine Grenzen und war fachlich und psychisch überfordert. Allerdings reagierten die meisten Arbeitgeber positiv wenn ich (auch im Bewerbungsgespräch) offen mit meiner Krankheit umgehe und transparent bin und für meine Bedürfnisse einstehe. Dadurch hatte ich viele berufliche Chancen, aber leider reichten meine Leistungen und Belastbarkeit nicht für längerfristige Beschäftigungen aus. Die letzten 4 Jobs, der letzte Herbst 2023, flog ich in der Probezeit raus.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Das intensive Schreiben von Tagebuch und Blogartikeln haben mir geholfen meine Gedanken zu reflektieren und mich auf Chancen und Lösungen zu konzentrieren. Dazu bekam ich wertvolles Feedback von Freunden, Ärzten und Therapeuten. Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich selbst und lerne immer besser meine Erwartungen zurückzuschrauben und mit noch mehr Geduld und Akzeptanz mit meiner chronischen Krankheit umzugehen.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

  • Schreiben
  • Tanzen
  • Heiß duschen
  • Entspannungstechniken (Body Scan, PMR, Meditation)
  • Gebet
  • Spaziergänge
  • Mich mit Freunden austauschen

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Nicht aufgeben und durchhalten. Krisen gehören leider zum Menschsein dazu. Sie geben uns die einmalige Chance als Mensch zu wachsen, unseren Kurs zu korrigieren und zu einem authentischen Selbst zu finden. Durch meine Krankheit habe ich nicht nur mehr Empathie und Disziplin bekommen sondern auch eine Perspektive entwickelt, die meinem Leben einen Sinn gibt, nämlich psychisch Kranken zu helfen. So kann jeder einen Sinn in seinem Leben finden und manchmal ist eine psychische Erkrankung ein wertvoller Katalysator dafür. Auch mein Blog und mein Buch und mein Schreibtalent wären ohne die Krankheit nicht zutage getreten.

Genauso wäre ich ohne die Krankheit nicht zum Glauben gekommen, welcher mittlerweile ein wichtiger Pfeiler meiner mentalen Gesundheit darstellt.

Krisen kommen und gehen. Sei bereit, alles zu denken und zu fühlen was du willst. Du bist nicht in Gefahr und du hast Zeit. Tausche dich mit Freunden und Bekannten aus so gut es geht. Nimm dir ausreichend Zeit für Bewegung und Entspannungstechniken. Betreibe ein kreatives Hobby. Sei im engen Austausch mit professionellen Ärzten und Therapeuten und nimm regelmäßig deine Medikamente. Pflege deine sozialen Kontakte und wenn du einsam bist, versuche neue Freunde zu finden oder zum Beispiel das Angebot von Tagesstätten und Foren in Anspruch zu nehmen.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Am besten gelassen bleiben und gelassen begleiten. Auf die eigenen Bedürfnisse und Grenzen achten. Verstehen, dass der Angehörige erwachsen und selbst für seine/ihre Gesundheit verantwortlich ist (außer bei erkrankten Kindern). Man kann ihm nur versuchen einen safe space zu bieten und immer wieder Hilfe und Gespräch anbieten und gemeinsame Unternehmungen zu machen wie kochen oder spazieren gehen oder eine Theatervorstellung zu besuchen. Viele psychisch kranke Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Ruhe und Reizabschirmung. Habe Verständnis, wenn dein Angehöriger Termine absagt und vermeide Vorwürfe und „high expressed emotions“. Nehme den Angehörigen in seiner Lebenswelt ernst, aber entkräfte irrationale Gedanken geduldig.

Oft hilft es, sich nicht immer auf eine Lösung des Problems zu konzentrieren, sondern einfach nur da zu sein, zuzuhören und die Emotionen zu validieren.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Was mich ausmacht

  • Ich bin studierter Medieninformatiker und kann Webseiten bauen
  • Ich bin amateurhafter Sänger und stand schon oft auf der Bühne
  • Ich bin Blogger (mein Blog ist schon 90 Beiträge stark)
  • Ich engagiere mich für psychisch kranke Menschen
  • Ich bin gläubig und gehe jeden Sonntag in eine evangelische Gemeinde
  • Ich stamme aus Kroatien und bin mit beiden Kulturen großgeworden
  • Ich mag zeichnen und Kalligrafie
  • Ich schreibe Texte und Gedichte
  • Ich bin Buchautor beim Vandenhoeck & Ruprecht Verlag
  • Ich bin ein sehr sozialer Mensch und habe immer ein offenes Ohr für meine Freunde wenn es ihnen mal nicht gut geht

Hier geht es zu Nikos Buch, das im März 2026 beim Vandenhoeck & Ruprecht Verlag erscheint:  Die Seele will gesund werden – Impulse für ein erfolgreiches Leben mit Schizophrenie.

In den sorgfältig ausgewählten Kapiteln dieses Buches steckt die geballte Erfahrung aus 20 Jahren Auseinandersetzung mit meiner paranoiden Schizophrenie. Es soll Mut machen, aufklären, informieren und begleiten.

Niko ist bei Instagram.

Er war kürzlich zu Gast beim PsychCast, hier geht es zum Interview.