Dr. med. Michael Armbrust zum Thema Borderline

Borderline-Betroffene werden immer noch verkannt.

Name: Dr. med. Michael Armbrust
Beruf: Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin
Jahrgang: 1960
Spezialisierung: Borderline, ADHS, Soziale Ängste
Therapieangebote/Hilfsangebote: Stationäre Versorgung mit Schwerpunktstationen, u.a. DBT und Schematherapie
Expertenrat auf www.borderline-netzwerk.com, Borderline-Trialoge in Bad Bramstedt

 

Wie definieren Sie die Störung? Welche Kriterien müssen für eine Diagnose vorliegen, und was sind die typischen Symptome?

Die Störung ist komplex und muss sehr individuell herausgearbeitet werden. DIE Borderline-Störung gibt’s nicht. Jede/r ist anders. Das einzig Gemeinsame ist die emotionale Instabilität, die sich in Impulsivität und Stimmungsschwankungen manifestiert. Nicht immer zeigt sich die emotionale Instabilität offen, da sie ja zu den internen Symptomen zählt, die durch sekundäres dysfunktionales Verhalten (z.B. Aufopfern in der Paarbeziehung), das bei Borderline sehr bunt ist, überdeckt werden kann. Nicht selten wissen Betroffene selbst nichts von der Störung, da sie z.B. hinter einer Essstörung oder einer Sucht verborgen liegt. Aktuell (2018) sollen 5 von 9 Kriterien erfüllt sein für die Diagnose, was schon mathematisch 256 Kombinationsmöglichkeiten, also 256 verschiedene Borderline-Störungen ergibt. Schweregrad und Comorbiditäten kommen noch hinzu. Und nicht jeder Borderline-Betroffene ist krank, also subjektiv leidend.

 

Welche Vorurteile bzw. welche falschen Vorstellungen gibt es in der Gesellschaft zu der Störung?

Die sind bunt und vielfältig – wie die Störung selbst. Zum Glück ändert sich derzeit Vieles. Als ich vor 28 Jahren mit Borderline-Behandlungen anfing, war das so ziemlich das Schlimmste, was man haben konnte. Diese Einstellung hat sich zum Glück sehr gewandelt, hängt aber immer noch von Person und Region ab. Und zum Glück hat es sich sogar in der Öffentlichkeit verbreitet, dass Borderline nicht mit selbstverletzendem Verhalten gleichzusetzen ist.

 

Was sind die klassischen bzw. hilfreichsten Therapiemöglichkeiten?

Ambulante Psychotherapie, oft mit zusätzlichen 12-wöchigen stationären Spezialbehandlungen. Nicht selten am Anfang auch psychiatrische stationäre Kriseninterventionen, die möglichst kurz gehalten werden sollten.
Am besten untersucht ist die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT), aber es wirkt auch die übertragungsfokussierte Therapie (TFP), die Schematherapie (ST) und die mentalisierungsbasierte Therapie (MBT).
Medikation hilft, aber nur symptomatisch.

 

Inwieweit ist eine Heilung, ein lebenswertes und erfülltes Leben mit der Störung möglich?

Wenn man das Wort „Heilung“ weglässt, das bei psychischen Erkrankungen meist unpassend ist, stehen die Chancen sehr gut. Ein symptomarmes, evtl. symptomfreies, durchaus erfolgreiches und zufriedenstellendes Leben mit Arbeit und Beziehungen kann durchaus angestrebt werden.

 

Welche besonderen Fähigkeiten haben Betroffene?

Sie sind zäh und tapfer, nicht selten deshalb erst einmal erfolgreich, aber deshalb auch selbstvernachlässigend und im Verlauf dann zu belastet. Sie sind überaus sensibel und empathisch, begeisterungsfähig und leidenschaftlich, deshalb auch öfters anstrengend, aber auch genau deshalb liebenswert.

 
Herr Dr. Armbrust ist Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt.