Depression und Posttraumatische Belastungsstörung: Du bist nicht allein.
Betroffener: Björn Rolke
Jahrgang: 1978
Diagnosen: rezidivierende Depression und posttraumatische Belastungsstörung
Therapien: Gespräch, tiefenpsychologisch, einen stationären Aufenthalt (KBO Taufkirchen Vils) und einige Rehas unter anderem Traumaklinik in Bad Saulgau, nehme ab Juli 2026 an einer Umschulung im BFW Kirchseeon teil
Ressourcen: spielen (Brettspiele, PC, D&D uvm.), häkeln, Musik, Chor, Fahrrad fahren
Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?
Gespürt, dass da was nicht so ist wie es sein soll, hab ich das erste Mal in der Grundschule. Als meine Freunde von ihren Familien erzählten. Da wurde mir klar, dass Gewalt und Alkoholexzesse nicht zu einem normalen Familienalltag gehören.
Aber so richtig die Diagnose bekommen habe ich 2004 als unser erstes Kind auf die Welt kam. Meine Eltern verhielten sich übergriffig, wie immer, aber das spürte ich da noch nicht.
Plötzlich meldete sich meine Tante, die Schwester meines Vaters, zu der ich bis dato kaum Kontakt hatte und meinte sie müssen mir was Wichtiges erzählen. Da erfuhr ich das erste Mal von den Missbrauchsvorwürfen gegen meinen Vater. Das Schlimme war: Ich konnte mir das sogar vorstellen. Denn ich hatte ja erlebt wie er in Verbindung mit Alkohol sein konnte. Gewalttätig, grausam, laut und zerstörerisch. Ab dem Zeitpunkt war klar, meine Eltern bekommen ihre Enkel nur in Begleitung und da ging das Drama los …
Ich hatte meine erste depressive Episode in Kombination mit teils heftigen Angstzuständen und Panikattacken. Ich konnte 6 Wochen nicht arbeiten, bekam die Diagnose PTBS und Depression, wurde medikamentös eingestellt und lebte mein Leben.
Warum hast du dich entschieden Gesicht zu zeigen?
Für mich und für alle anderen.
Ich dachte sehr lang ich bin das Alien, ich bin der mit dem etwas ganz gewaltig nicht stimmt. Aber dann war ich das erste Mal auf einer psychosomatischen Reha und stellte fest: Wir sind viele und ich bin nicht allein. Es gibt Menschen, die mich verstehen und das hat mir so sehr geholfen.
Mittlerweile hatte ich eine schwere Episode, in der es mich völlig aus dem Leben gehebelt hat. Ich war zwei Jahre krank und war in dieser Zeit mehrere Monate stationär (Psychiatrie und Traumaklinik). Der ganze Rahmen dort, die Therapien, die Ärzte und Psychologen, auch der Sport, das alles hat mir sehr geholfen. Aber am meisten haben mir andere Patienten (Menschen) geholfen, die mir von sich erzählt haben und denen ich von mir erzählen durfte.
Du bist nicht allein.
Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?
Naja, ich bin ja mit meiner Erkrankung immer transparent umgegangen, meine Familie wusste das (auch wenn die Täter in der Familie es nie akzeptieren konnten „War doch gar nicht so schlimm.“ „Du warst doch noch so klein.“ „Du kannst dich sicher nicht erinnern.“), meine Freunde wussten es und auch beruflich waren meine Vorgesetzten informiert. Die Reaktion war meisten eher so: „Echt? Das merkt man gar nicht.“ Überraschung, meine Maskerade funktioniert und funktioniert hab ich auch, bis zum Schluss.
Ich würde mir wünschen, dass psychische Erkrankungen endlich ernst genommen werden, sowohl von den Erkrankten selber als auch und vor allem vom Umfeld und der Gesellschaft. Es ist unvorstellbar, wie oft ich mit Mobbing am Arbeitsplatz zu tun hatte und leider musste ich während meiner Krankheitsphase die Erfahrung machen, dass das kein Einzelfall ist, im Gegenteil. Viele Erkrankte erleben Geringschätzung und Mobbing, sowohl gesellschaftlich als auch in der Arbeit.
Auch wäre wichtig, dass die Politik endlich aufhört um sich selber zu kreiseln und anfängt Politik für die Menschen zu machen und dazu zählen eben auch Menschen mit (psychischen) Erkrankungen. Was ist das für ein Signal, bei sowieso schon zu wenig Therapieplätzen, den Therapeuten 4,5 % zu streichen oder allgemein am Kranken- und Sozialsystem zu sparen. Das geht auf Kosten von Kindern, Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen uvm. Und gleichzeitig verschenken wir Steuergelder an Superreiche, die sowieso schon alles haben.
Hier läuft etwas gewaltig falsch!
Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?
Die Krankheit selber, sie hat mich mit roher Gewalt aus meinem Leben geprügelt. Ich hatte einen totalen Zusammenbruch und wusste zu dem Zeitpunkt irgendwie, wenn ich mir jetzt keine Hilfe hole, dann ist es zu spät.
Ich war so erschöpft, ich habe die erste Zeit in der Klinik eigentlich nur geschlafen und geweint. Und ich konnte gar nicht loslassen, ich war ja immer noch der Meinung funktionieren zu müssen: „Nächste Woche, dann passt das wieder, dann gehe ich wieder arbeiten und alles wird gut.“ Allerdings wurden aus der Krankheit über zwei Jahre bis ich wieder stabil auf den Füßen stand und jetzt starte ich neu mit einer Umschulung, da mich mein eigentlicher Beruf zu sehr triggert.
Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?
Walken, meistens gehe ich walken. Das ist nicht leicht, weil die Krankheit macht die Knochen und die Muskeln schwer wie Blei. Aber ich kann den Symptomen davonlaufen, das Gehirn kann nicht in der Depression oder in Gedankenschleifen hängen, wenn man geht.
Wenn es schlimm ist dauert es eine gute halbe Stunde, bis die Gedanken aufhören mich anzuschreien, aber dann ist Ruhe. Einfach nur gehen, gerne auch mit Hörbuch oder Podcast, aber manchmal ist mir selbst dass zu viel.
Grundsätzlich hilft mir alles, bei dem meine Hände (mein Körper) beschäftigt ist. Zusätzlich habe ich aber noch einen Stachelball und verschiedene Aromaöle, die mir helfen (auch beim Schlafen). Wenn gar nichts mehr geht hab ich noch Bedarfsmedikation oder ich rufe beim Krisendienst an. Es hilft allein schon, wenn man weiß, dass das jemand ist.
Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?
Warte nicht bist Du nicht mehr kannst, hole dir Hilfe bei den ersten Anzeichen. Du bist nicht allein, wir finden und verstehen uns.
Es gibt Menschen da draußen, die fühlen was Du fühlst. Und vielleicht sind wir gar nicht die Kranken, vielleicht sind wir nur die ersten, die diese Form der Ellenbogen- und Leistungsgesellschaft nicht mehr tragen können oder wollen.
Ich wünsche mir jedenfalls etwas anderes.
Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?
Gebt Eure Lieben nicht auf, achtet auf kleinste Anzeichen, häufig sind die ersten Symptome kaum sichtbar, aber im Inneren steht bereits alles in Flammen. Der Funktionsmodus und die Maske bleiben häufig bis zum bitteren Ende.
Holt Euch selbst und Euren Lieben professionelle Hilfe und achtet darauf nicht selbst mit unterzugehen. Wichtig ist, dass auch Ihr als Angehörige Euch von Anfang an Unterstützung und professionelle Hilfe holt. So eine Erkrankung ist nicht leicht, für den Betroffenen nicht und für die Angehörigen schon gar nicht. Achtet auf Euch und bezieht Freunde und Verwandte (falls nicht involviert) mit ein.
Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?
Ich bin sehr empathisch, höre anderen Menschen gerne zu und interessiere mich für Ihre Geschichten. Ich habe lange im sozialen Bereich gearbeitet, weil ich Kinder und Jugendliche unterstützen wollte, die Ähnliches erlebt haben wie ich, das war immer mein Lebensinhalt, bis ich es nicht mehr konnte. Trotzdem möchte ich in meinem Umfeld weiterhin Gutes tun und Menschen mit und ohne Behinderung oder psychischen Erkrankungen unterstützen, vor allem dadurch dass ich weiterhin sichtbar bleibe, meine Geschichte erzähle und zur Entstigmatisierung beitrage.
Björn ist auf Instagram: bjaysbest


