Mutmachleute

Depressionen, Anpassungsstörung & Borderline: Glaube an dich!

Betroffene: Reni
Jahrgang: 1986
Diagnose: Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline), Depressionen, Anpassungsstörung, ADS
Therapie: Mehrere stationäre Aufenthalte, Tagesklinik, Psychotherapie, Gespräche mit meinem Psychiater
Ressourcen: Freunde, Musik und meine Pflegepferde

 

Wie und wann hast du von deiner Störung erfahren?

Während meines Lehramtstudiums ging es mir immer schlechter. Ich war mit dem Studium total überfordert. Ich trank, um die Anspannung unter Kontrolle zu bekommen und um überhaupt das Lernpensum zu schaffen. Ebenso fing ich wieder an, mich zu schneiden oder fuhr riskant mit meinem Roller durch die Gegend. Alles war mir recht, damit ich mich wieder spürte. Schließlich habe ich Hilfe beim Sozialpsychiatrischen Dienst gesucht, da mir eine Freundin dazu geraten hatte. Mit deren Hilfe kam ich dann zu meinem Psychiater, der die Diagnosen stellte.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich möchte mich nicht mehr verstecken. Ich finde, dass Aufklärung wichtig ist. Wir sind ja keine schlechteren oder schwächeren Menschen, nur weil wir diese Diagnosen haben. Und wir sind so viele, es kann jeden treffen, und da muss man sich nicht schämen.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Meine Mutter hat damals leider gar nicht gut darauf reagiert, weswegen ich später den Kontakt abbrach. Meine Freunde waren größtenteils selber vorbelastet und hatten damit kein Problem und akzeptierten meine psychische Erkrankung.

Was ich mir von anderen wünsche, ist ein normaler Umgang mit mir. Fragt doch nach, ich erzähle euch gern davon. Seid nicht verunsichert – Menschen mit psychischen Problemen, Krisen oder Erkrankungen sind auch Menschen!

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Ich habe mich lange versteckt und konnte nicht darüber sprechen. Als ich mein Studium abbrach, fing ich ein Jahr später eine Ausbildung in einem Rehabilitationszentrum an, die ich übrigens auch abgeschlossen habe.

Als ich mich danach auf dem ersten Arbeitsmarkt bewarb, war das alles schon schwerer. Ich schämte mich für meine Schwächen, wollte so belastbar wie die anderen sein, aber das klappte nur bedingt.
Eine sehr gute Freundin von mir ist Spastikerin. Sie sitzt im Rollstuhl und geht so offen und locker damit um, dass sie für mich ein echtes Vorbild wurde. Sie ist so ne coole Person! Dank ihr konnte ich mich selbst immer besser akzeptieren. Ich habe auch einen Schwerbehindertenausweis, den ich liebevoll „meinen Beklopptenausweis” nenne.

Ich bin ich – und ich bin ok, so wie ich bin. Wer damit ein Problem hat, kann es behalten – es ist dann das Problem der anderen, nicht meins.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Meine Pflegepferdchen helfen mir so viel, außerdem Musik hören und rausgehen. Eine große Hilfe ist mein Psychiater, der mich, wenn es gar nicht mehr geht, immer irgendwo terminlich reinquetscht.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Definiert euren Selbstwert nicht durch andere, ihr seid ok, so wie ihr seid, glaubt an euch und gebt nicht auf.

Es führt immer ein Weg aus der Dunkelheit, auch wenn man ihn vielleicht nicht gleich sieht.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir
(einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Verurteilt eure Liebsten nicht, nur weil sie krank sind, aber lasst euch auch nicht mit reinziehen. Habt den Mut, auch selber Hilfe zu holen, wenn nötig.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Am meisten mag ich meinen Humor, meine Ehrlichkeit und meine Zuverlässigkeit. Ich bin ein sehr hilfsbereiter Mensch und versuche, mein Leben so gut es geht zu genießen.