Diagnose WahnSINN

Ein Gastbeitrag von Sascha Arlt

 
 

Diagnose WahnSINN

Psychiatrische Diagnosen orientieren sich an Symptomen. Die Ursache der Erkrankung wird meist nicht berücksichtigt. Ein minimalistischer Ansatz, die psychische Gesundheit des Menschen zu skalieren.

Anders als bei körperlichen Erkrankungen versagt bei der psychiatrischen Diagnostik jedes Röntgengerät. Seelische Gesundheit lässt sich nicht vermessen und doch wiegt sie schwer. Fast jeder Mensch hat Probleme, die sich mindestens einer psychiatrischen Diagnose zuordnen lassen. Warum tragen nicht alle Menschen eine psychiatrische Diagnose?

Der Cut- off- Wert legt einen Grat zwischen „normal“ und „verrückt“, diese unsichtbare Furche zwischen unerträglichem Leiden, gesellschaftlicher Norm und einer möglichen Gefahr für die Öffentlichkeit hinterlässt manchmal einen Graben im Leben, ein anderes Mal eine Saat.  Dort auf dem Acker des Unverständnisses, der Angst, der Erfahrung, von DSM- 5, der Verurteilung, der Hilfe, der Bemühungen, der WHO, des ICD-10, liegen viele Diskussionen, Ansätze, Ideen, Tränen, persönliche Empfindungen, ethische Debatten, Schicksale, Hysterien, Menschen, Cluster und auch ich.

Diagnose gibt einen möglichen Wegweiser für Behandlung, Genesung und Ziele. Sie liefert Informationen, Erklärungen und Ansätze. Der betroffene Mensch fühlt sich durch eine Diagnose oftmals emotional entlastet und beim Umfeld sorgt sie für ein größeres Verständnis. Einerseits begründet die Diagnose eine vorzeitige Rente, andererseits kann die Erwähnung der Diagnose auch Chancen verbauen. Sie wird erstellt, erteilt, empfangen, angenommen, erhalten, benutzt, gelebt, geheilt, behandelt, verdrängt, verharmlost, verurteilt, fehl diagnostiziert.

Ich lebte lange in einer Identifizierung mit meiner Diagnose. Ich fühlte mich wie in einer unglücklichen Partnerschaft, in der ich mein Wesen verlor. Öfter grenzt die Erwähnung der Diagnose aus. Sie sagt wer du vermeidlich bist: die Depressive, der Süchtige, der Gespaltene, die Manische, der Hysterische, die Zwanghafte, der Wahnhafte.

Doch unter der Schwere meiner Diagnose lag ich als Mensch lange unsichtbar und leise vor der Welt versteckt.

 

Bist du auch schon ver-rückt?

Symptome, Erfahrungswerte und gängige Behandlungsansätze legen sich oft wie eine Prophezeiung über die Diagnose. Ein plakatives Bild eines günstigen, erwünschten Verlaufs entsteht dabei in vielen Köpfen. Diese vorgefertigten Plakate drücken sich auch in festgeschriebenen Kontingenten einer ambulanten Psychotherapie der Krankenkasse wieder. Dabei wird die Diagnose in meinen Augen zur Prognose.

Die nicht Skalierbarkeit der Seele als auch die Einzigartigkeit des Menschen werden dabei kaum berücksichtigt. Der Weg und das Tempo zur Gesundung sind zementiert in den Paragrafen des aktuellen Gesundheitssystems.

Ich bin als Mensch jedoch individuell, meine Psyche und meine Seele lassen sich nicht vermessen. Die Wege, die zur Heilung führen sind so vielfältig wie es Menschen auf der Welt gib. Die Frage, die ich mir stelle, wer zahlt meine Genesung und wer trägt die Verantwortung dafür?
 

Macht Sinn Unsinn?

Viele psychiatrische Diagnosen sind wertgeladen. Die mediale Welt bedient sich dabei vieler Vorurteile. Hetze anstatt Integration? Stigmatisierung anstelle von Aufklärung? Zwischen Segen und Fluch einer Diagnose spannen sich Brücken, schillern vielfältige Facetten und wandeln gesellschaftliche Normen. Sie kann sowohl deine eigene innere Welt trennen als sich auch mit Menschen verbinden.

Mein Streben nach ganzheitlichem Leben brachte mich zurück auf die Brücke des Lebens. Inzwischen träume ich von fallenden Mauern und lebendigen Brückenpfeilern, die Wahn und Sinn liebevoll halten, um Brücken zwischen Menschen zu leben.

 

Traum oder Wahn, macht das Sinn?

 

Sascha Arlt (purevielfalt.de)