Ich gehe mit gutem Beispiel voran und mache Mut!

Name: Annegret Corsing
Beruf: Erfahrungsexpertin
Jahrgang: 1979
Behandelt/Klienten: Diagnoseunabhängig, Fragebogen bezieht sich auf Borderline-Persönlichkeitsstörung
Therapieangebote/Hilfsangebote: Peerberatung, Resilienztraining speziell für Menschen mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen

 

Wie definieren Sie die Störung/welche Kriterien müssen für eine Diagnose vorliegen/was sind die typischen Symptome?

Ich litt selbst viele Jahre an der emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, Typ Borderline.
Zu den Symptomen zählen ein starkes Gefühl der inneren Leere, Angst vor dem Alleinsein, ein instabiles Selbstbild, intensive aber instabile Beziehungen, selbstschädigendes und/oder selbstverletzendes Verhalten, Impulsivität, Suizidalität u.a. Es werden in der Klassifikation der psychischen Störungen neun Hauptsymptome beschrieben, von denen mindestens fünf zutreffen müssen, um die Störung zu diagnostizieren.

 

Welche Vorurteile bzw. welche falschen Vorstellungen gibt es in der Gesellschaft zu der Störung?

Borderline galt lange als unbehandelbar. Noch heute gibt es Vorurteile und Stigmata – bspw. weiß ich von einer Klinik-Chefärztin, dass sich lange niemand im Kollegium fand, der eine Borderline-Station als Oberarzt übernehmen wollte. Die Arbeit mit Patienten und Klienten der Störung ist sicher eine große Herausforderung.
Doch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es Wege gibt zu lernen, gut mit der Störung umzugehen. Ich erfülle heute nicht mehr dauerhaft die zur Diagnose erforderlichen fünf Kriterien.

 

Was sind die klassischen bzw. hilfreichsten Therapiemöglichkeiten?

Ich selbst habe von 2007 bis 2009 eine Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) mit angeschlossenem Skillstraining gemacht. DBT ist ein achtsamkeitsbasiertes Training der Emotionsregulation und ich lernte dort im Gruppen-Training, meine Gefühle wahrzunehmen und zu “managen”, d.h. bei hoher Anspannung mit Hilfe von Skills wieder auf ein Level zu kommen, in dem ich handlungsfähig werde. In Einzelgesprächen habe ich mehr über die Ursachen meiner Erkrankung gelernt.

Von 2015 bis 2017 habe ich eine Schematherapie gemacht. Sie ist eine Form der kognitiven Verhaltenstherapie. Diese Therapie geht davon aus, dass wir im Verlauf unseres Lebens und ggf. eben gerade aufgrund traumatischer Erlebnisse in der Kindheit für uns selbst teils schädliche Verhaltensmuster erlernt haben (Schemata), die unser Verhalten bis heute noch stark beeinflussen. Sie geht außerdem davon aus, dass es in jedem Menschen einen gesunden, erwachsenen Anteil gibt und das Ziel der Schematherapie ist es, diesen zu stärken und ihn praktisch “ans Steuer” der eigenen Persönlichkeit zu setzen.

Das Skillstraining und die DBT waren sicher eine gute Basis, um mich nun meinen wahren, tiefsten Gefühlen von Angst, Hilflosigkeit und Wertlosigkeit zuzuwenden. Schon seit der DBT praktiziere ich Achtsamkeit und seit zwei Jahren auch Meditation, beides hat mich während der besonders schweren letzten 3 – 4 Jahre stark unterstützt.

Weiterhin habe ich 2016 ein STEPPS-Training besucht, das ist ein 20-wöchiges Fertigkeiten-Training bei dem das soziale Umfeld (z.B. Angehörige) mit einbezogen wird.

 

In wie weit ist eine Heilung, ein lebenswertes/erfülltes Leben mit der Störung möglich?

Wie bereits beschrieben, erfülle ich heute nicht mehr die Kriterien zur Diagnose. Ich leide auch nicht mehr unter meiner Symptomatik. Meine Lebensqualität hat sich enorm verbessert, ebenso mein Selbstwertgefühl und meine Beziehungen.

Dennoch muss ich vielleicht mein Leben lang ganz besonders achtsam mit mir umgehen, da ich sehr sensibel bin und die Gefühle meiner Kindheit immer irgendwie eine Rolle spielen werden und mich vielleicht verletzlicher machen. Ein bisschen wie ein Diabetiker, der auch nicht einfach mal eben seine Blutzuckerkontrolle vergessen darf.

 

Welche besonderen Fähigkeiten haben Betroffene?

Betroffene haben eine besonders hohe Sensibilität, Empathie und emotionale Bandbreite, sind oft sehr kreativ und begabt. Und die, die es wie ich geschafft haben, die “Extreme” in sich postitiv zu nutzen, können mit gutem Beispiel voran gehen und Mut machen!

Ich erlebe es in meiner Arbeit heute immer wieder, dass es anderen Betroffenen gut tut, wenn sie das Gefühl haben, ganz verstanden zu werden. Nur ein/e andere/r Betroffene/r kann vielleicht tatsächlich nachempfinden, wie sich die quälende Leere anfühlt, die massive Angst vor dem Alleinsein und die Scham, die dem eigenen Verhalten so oft nachfolgt. Auch die Verzweiflung darüber, vielleicht nie da raus zu kommen.

Annegret blogt auf: lieblingsmensch.me
Webseite: www.anncor.de
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