In den Spiegel sehen können.

 

Der Spiegel in seiner traumsymbolischen und mythologischen Bedeutung ist motivisch so vielgestaltig wie kaum ein anderes Requisit in Literatur, Film, bildender Kunst und Psychologie.
In der Mythologie gibt es Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Im hohen Kulturgut des Märchens verzweifelte Schneewittchens Stiefmutter an der Wahrheitsliebe des Spiegels und ward nicht die Schönste im ganzen Land. Und Vampire kann man angeblich nicht im Spiegel sehen. Überhaupt ist der Spiegel ein Symbol wie kaum ein anderes in der Parapsychologie: noch heute verhängt man die Spiegel mit Tüchern, wenn man einen Toten zu beklagen hat. Auch dient der Spiegel als Portal zu anderen Welten.
Früher gehörte ein Spiegel nicht selbstverständlich zum Besitztum des Menschen. Heute ist er ein banaler Alltagsgegenstand, und das Smartphone dient als Spiegel. Aber sehen wir wirklich hinein?

 
Ich persönlich bin kein großer Freund von Spiegeln – schon gar nicht in den Kaufhäusern und Konsumtempeln. Solange diese nicht bereit sind, in schmeichelnde Lichtgestaltung und nicht-verzerrende Spiegelgläser zu investieren, graut es mich vor dem einmal jährlich notwendigen Shopping umso mehr. Bin ich einmal gezwungen, mich in einem solchen Spiegel zu betrachten, ruft alles in mir: Flucht! Vor meinem eigenen Spiegelbild!
 

Was aber bedeutet es, wirklich einen Blick in den Spiegel zu werfen?

Früher hätte ich mich zu jenen gezählt, die dies höchst ungern tun – inzwischen sehe ich genauer hin. Der Spiegel wirft mein Abbild manchmal gnadenlos zurück, je nach gutem oder eher unschmeichelhaftem Lichteinfall: Falten (und Fältchen) – Narben (größere und kleinere), graue Haare, Unreinheiten und Pigmentflecken, Grübchen und Härchen.
Ich sehe aber auch: über mein ganzes Gesicht verteilte Lebenslinien, die mich zeichnen; so viele Geschichten, die ich erlebt und mitgestaltet habe; so viele Menschen, die mir begegnet sind; meine eigene Persönlichkeit. Ein Model werde ich in diesem Leben nicht mehr – mit perfekter Haut und Teint, Augen, Nase, Mund, ohne Falten und Narben – austauschbar und ohne Persönlichkeit.
Nein Danke, ich möchte nicht mit Euch tauschen.
 
Ich kann in den Spiegel sehen und erkenne mich selbst. Das bin ich, geschminkt oder ungeschminkt, dies ist die Narbe mit jener Geschichte, diese Falten zeichnen jenen Weg, den ich ging.

Meine Unperfektheit erkenne ich inzwischen gelassen im Spiegel an. Ich habe ihr genug entgegenzusetzen: Dank meiner psychischen Erkrankung – oder besser: der Bewältigungsmechanismen, die sie mir gab – habe ich überlebt. Ich habe sehr lange aufgrund meiner Erkrankung gelitten und bin oft genug durch die Hölle gegangen. Ich habe mit meiner Erkrankung gearbeitet und bin an ihr gewachsen. Das tue ich immer noch – täglich, weil es einfach dazugehört.

 
Das Leben mit einer psychischen Erkrankung ist tatsächlich anstrengend, es ringt Energien ab und man ringt vielleicht mit dem Leben zuweilen. Es fordert zum (täglichen) Kampf auf und Entscheidungen zu treffen, die andere nicht treffen oder verstehen müssen.
 
Ich hatte die Entscheidung getroffen, nicht mehr unter den Folgeerscheinungen meiner Erkrankung leiden zu wollen. Ich habe Therapien gemacht, arbeite hart an mir, habe viel gelesen und viel Austausch erfahren dürfen (auch ein Spiegel!) – und auch und einige Durststrecken erlebt. Fertig damit bin ich noch lange nicht: Borderline ist ein hartnäckiger Geselle.
Aber ich kann mich im Spiegel ansehen und mir sagen: „Dieses hast du schon mal geschafft. Gut, und daran musst du eben noch arbeiten.“
 

Entscheidet man sich für das Leben und für die Veränderung, für den Mut, an sich selbst zu arbeiten und Unangenehmes in Kauf zu nehmen, auch peinliche Bauchlandungen und fürchterliche Episoden durchzustehen: Man geht immer einen Schritt weiter auf sich selbst zu. Und gewinnt etwas, das vielen da draußen abhanden gekommen zu sein scheint: sich selbst zurück, die Lust auf’s Leben, den Mut, nein zu sagen, die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, neue Ressourcen, besondere Menschen kennenzulernen, den Tag zu genießen – den unverzerrten Blick in den Spiegel wagen zu können und laut zu sagen:
 
Ja, das bin ich! Hier bin ich – komme was da wolle!

 
Text & Foto: Tina Meffert