Depressionen & PTBS: Nicht aufgeben!

Betroffener: Armin Rösl
Jahrgang: 1973
Diagnose: Rezidivierende depressive Störung, PTBS
Therapie: Verhaltenstherapie
Ressourcen: Musik, Sport, Schreiben

 

Wie und wann hast du von deiner Störung erfahren?

Vor meiner ersten und bislang einzigen schweren depressiven Episode Ende 2010 (die Diagnose in der Klinik lautete „Depression und Angst gemischt“) litt ich bereits seit etwa zwei Jahren immer wieder an Angst- und Panikattacken, wegen denen ich auch in ambulanter Behandlung war. Mehrere Tage vor dem Ausbruch der Depression bemerkte ich extreme Antriebs- und Lustlosigkeit. Hinzu kamen starke Angstattacken. Eines Nachts schreckte ich dann schweißgebadet aus dem Schlaf – ab diesem Zeitpunkt war mein Wesen verändert. Ich fühlte mich wie in einer Blase, nahm meine Umgebung nur noch schematisch wahr und hatte keinen Zugang mehr zu den Menschen und zur Außenwelt. Ich hörte ihre Stimmen, aber ich verstand nicht, was sie sagten. In meinem Kopf kreisten nur noch Fragen und Gedanken, wie: „Was mache ich eigentlich auf der Welt?“, „Ich bin zu schlecht für diese Welt und mein Umfeld“, „Ich bin für meine Familie und meine Umgebung nur noch eine Last“, „Ich bringe meine Familie in den finanziellen Ruin“ – und später: „Nur, wenn ich mich umbringe, bin ich für andere keine Last mehr, nur dann sind diese Gedanken weg“, „Ich bringe mich um. Aber wo? Wie?“. Diese Gedanken, diese Gefühle bestimmten ab jener Nacht mein Leben und gingen nicht mehr weg.
Zu dieser Zeit war ich in ambulanter Behandlung, mein Therapeut erkannte schnell, dass ich dringend eine stationäre Behandlung benötigte. Zwar war meine Angst vor der Klinik groß, doch letztendlich konnten mein Therapeut und meine Frau mich davon überzeugen, dass eine stationäre Behandlung die einzige sinnvolle Lösung sowohl für mich als auch für mein Umfeld sei. Also ging ich freiwillig in die Klinik. Diese Entscheidung hat mein Leben gerettet.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Weil ich Betroffenen zeigen möchte, dass sie nicht alleine sind. Das ist ja die größte Crux während einer Depression: Zu glauben, man sei der einzige Mensch auf der Welt, der so fühlt. Das stimmt aber nicht. Es klingt komisch, aber: Für mich war es eine große Erleichterung in der Klinik zu erkennen, dass ich nicht der einzige bin mit solchen Gefühlen und Gedanken. Nicht der einzige mit dieser Krankheit.

Außerdem möchte ich Betroffenen sowie Angehörigen Mut machen und zeigen, dass ein Leben trotz bzw. nach einer Depression möglich, ja, sogar lebenswert ist. Und nicht zuletzt ist es mir wichtig, zu zeigen, dass die Depression eine Erkrankung ist, die man sich nicht selbst aussucht, für die man sich nicht schämen braucht.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Zunächst wusste keiner, was mit mir los ist und warum ich so verschlossen, traurig und panisch geworden war. Natürlich versuchten alle, mich zu beschwichtigen mit Aussagen wie „Das wird schon“, „Kopf hoch“, „Es gibt doch keine Probleme“. Es gab es auch Aussagen wie „Stell‘ dich nicht so an!“, „Sei mal ein Mann!“ – die kamen von meinem Vater. Die führten allerdings dazu, dass sich meine Gefühlslage nur noch verschlechterte.

Was ich mir von meinem Umfeld wünsche? Das ist schwierig, zu beantworten. Ich glaube, in der Phase, in der ich mich befand als ich von der Depression erfuhr, hätte ich auf keine noch so gut gemeinte oder richtige Reaktion reagiert. Nichtsdestotrotz wäre es gut gewesen, wenn man versucht hätte, sich in meine Gefühlslage hineinzuversetzen. Ich weiß allerdings auch, dass das sehr schwer, eigentlich unmöglich ist, wenn man es selbst nicht erlebt hat. Außenstehende können die sehr komischen und überhaupt nicht nachvollziehbaren Gefühle, Gedanken und Aussagen des Betroffenen nicht nachempfinden. Dennoch hätte dieses „Mitfühlen“ mir die Sache leichter machen können. Vielleicht.

 

Welche Dinge haben Dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Schlichtweg die Erkenntnis, dass es sich um eine Krankheit handelt, die man behandeln kann.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Wichtig geworden ist für mich das Laufen. Das Laufen wirkt sowohl in akuten Phasen – auch wenn es mir dann noch schwerer fällt, mich aufzuraffen – als auch präventiv. Außerdem versuche ich in Krisensituationen zu verhindern, dass mich Panik befällt. Das gelingt durch kurze, spontane Mediationen.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Habt keine Angst, ihr seid nicht allein. Gebt nicht auf, auch wenn es schwer fällt. Depression ist eine Krankheit, für die sich niemand schämen braucht.

Wichtig ist aber, dass man sich im Falle einer Erkrankung selbst eingesteht, dass man Hilfe benötigt. Allein kommt man aus einer Depression nicht heraus.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Wenn die Angehörigen merken, dass sie an den Betroffenen nicht mehr rankommen, sollten sie zusammen mit ihm zum Arzt gehen. Ihn beim ersten Besuch beim Psychiater begleiten und somit das Signal geben, dass der Betroffene nicht alleine gelassen wird. Von Angehörigen oder Außenstehenden zu erwarten, dass sie die Gefühle eines Betroffenen nachvollziehen, ist meiner Meinung nach zu viel verlangt. Diese wiederkehrenden Gedanken, diese körperlichen und vor allem psychischen Schmerzen kann man mit nichts vergleichen. Aber man kann den Betroffenen begleiten. Das ist wichtig: Dass er weiß, dass er nicht allein gelassen und nicht aufgegeben wird. Gleichwohl müssen Angehörige darauf schauen, dass sie nicht selbst vom Betroffenen in ein Loch gezogen werden. Zum eigenen Wohle und zum Wohle des Erkrankten sollten auch Angehörige professionelle Hilfe aufsuchen.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich bin ein sensibler und sehr offener Mensch. Beides schätze ich an mir und an anderen.

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Foto: privat