Ist es Borderline? Vielleicht Depressionen? Oder doch …

Die #mutmachleute stellen in der Rubrik #Denkstoff einen weiteren Gastautor vor:
Danke, Lukas, für deinen Artikel zum Thema psychiatrische Diagnosen!

Für lange Zeit haben Diagnosen mein Leben geprägt. Anfangs habe ich sie als hilfreich empfunden, konnte ich Dank ihnen meine ver-rückte Welt einordnen und beschreiben.
Doch nach vielen Jahren in psychotherapeutischen Praxen und nach einigen Klinikaufenthalten ist mir aufgefallen, dass mir etwas fehlt. So traute ich mich, über meinen Tellerrand zu schauen und wurde mit der Zeit offener für andere Ansichten über seelische Not.
Einmal ist sich die Fachwelt nicht ganz einig darüber, was „psychische Erkrankungen“ eigentlich sind, wie ich entdecken musste. Und dann war da noch die Frage, welchen Einfluss unsere Kultur darauf hat, wie wir diese seelischen Phänomene wahrnehmen (und bewerten). Ich meine, wie gehen andere Gesellschaften mit seelischer Not um? Und was folgt daraus für ihr Zusammenleben und ihre Kultur?
 

Die Stärke von psychiatrischen Diagnosen ist gleichzeitig auch ihre Schwäche: ihre Einfachheit.

Während dieser Entdeckungsreise wurde mir deutlich, wie groß unsere mentale Vielfalt eigentlich ist und wie wir diese noch zu wenig berücksichtigen. Denn die Stärke von psychiatrischen Diagnosen ist gleichzeitig auch ihre Schwäche: ihre Einfachheit. Habe ich in von 5 von 9 Bereichen gewisse Probleme, ist es Borderline. Kreuze ich andere Antworten im Fragebogen an, bin ich bipolar. Oder depressiv …
Und das Schöne an Diagnosen ist: es gibt sie gleich als Komplett-Box, in der alles drin ist – mögliche Ursachen, Therapie-Ansätze und auch ein Blick in die Zukunft. Daraus ergibt sich ein recht übersichtlicher Fahrplan, wie man sich aus der seelischen Not heraus manövrieren kann.

Soweit so gut. Eine Frage wäre da aber noch: was ist unsere Psyche eigentlich – aus was besteht sie konkret? Und kann sie sich überhaupt auf eine krankhafte Weise verändern, zum Beispiel wie unsere Körperzellen? Die Psyche ist eine Black Box, sagen die einen – daher kann man nicht direkt in sie hineingucken. Das Gehirn erschafft die Seele, so die anderen. Läuft hirnorganisch etwas schief, bekommt demnach auch unsere Psyche ein Problem … Aber so gesehen müsste doch von biochemischen Krankheiten die Rede sein, nicht von psychischen Störungen, oder? Okay, offenbar kann mir hier keiner eine Antwort auf meine Fragen geben – während die einen sich ganz enthalten, machen die anderen lediglich Aussagen über neurobiologische Vorgänge im Gehirn.

Wie so vieles andere auch, hat die medizinische Sichtweise auf seelische Krisen so ihre Lücken, ich muss sie nicht als eine in Stein gemeißelte Realität annehmen. Auch war für mich ist die Entstehungsgeschichte von den Diagnosen recht aufschlussreich, wenn es darum ging, mich von ihnen zu lösen. Dieses Loslösen hat mir die Freiheit gegeben, mich für ganzheitlich-naturheilkundliche Ansätze zu öffnen. Dort gilt die Psyche als etwas, das man direkt erfahren und beobachten kann (viele traditionelle Herangehensweisen stellen unsere modernen Ansichten auf den Kopf).

Mit der Zeit habe ich gelernt, direkt mit meinem Geist in Kontakt zu kommen und habe dadurch mich entdeckt. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist: Ich habe eine geschundene Seele, die Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht, damit ihre Verletzungen heilen können. Eine Krankheit konnte ich dagegen in ihr nicht ausmachen.

Es selbst zu sehen, dass meine Psyche nicht defizitär (weil erkrankt) ist, war für mich ein Schlüsselmoment, um mich annehmen zu können – ich darf sein. Mit allen Macken, inneren Beulen und nervigen Verhaltensweisen.

Über vier Jahre hat meine Frau versucht, mir das alles zu sagen. Der Groschen fiel aber erst, als ich in mir drinnen eine Antwort darauf gefunden habe, aus welchem Stoff mein Geist eigentlich gemacht ist (und ob er überhaupt im medizinischen Sinne erkranken kann). Schlaue Bücher gibt es viele, doch so richtig helfen konnten sie mir bei diesen Fragen nicht. Erst mein Erfahrungswissen hat mir sinnvolle Möglichkeiten eröffnet, um mit inneren Problemen umzugehen. Sinnvoll, weil ich dadurch meine Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zurück habe.

 

Lukas hat bei den Mutmachleuten bereits einen Betroffenenbeitrag verfasst: Borderline: Leben und leben lassen – Anderssein ist OK und ist in einem Wiedersehen mit Lukas: Befreiung von der Diagnose Borderline zu hören.