Depressionen & Borderline: Fühlen bedeutet wachsen.

Betroffene: Anina
Jahrgang: 1986
Diagnose: mittelgradige Depression, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline), PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) und generalisierte Angststörung
Therapie: Ambulante psychoanalytische sowie tiefenpsychologische Therapie; Verhaltenstherapie (DBT); zweimaliger stationärer und dreimaliger teilstationärer Aufenthalt; langjährige psychiatrische Behandlung in einer Institutsambulanz
Ressourcen: schreiben, Musik hören und die Natur

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?

Im Grunde habe ich schon sehr früh gespürt, dass ich anders bin als andere, sensibler reagiere, mir mehr zu Herzen nehme, größere Schwierigkeiten habe, Menschen zu vertrauen oder Kontakte zu schließen. Aber so richtig realisiert, dass mit mir etwas nicht stimmt, habe ich, als ich mit fünfzehn versuchte mir das Leben zu nehmen. Damals hatte ich einen guten Freund, der das Schlimmste verhindert und mir klar gemacht hat, dass ich Hilfe brauche und es so nicht weitergehen kann. Kurz danach saß ich das erste Mal einem Therapeuten gegenüber

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Weil ich jetzt, sieben Jahren später, auf der anderen Seite stehe und Betroffenen mit meiner Geschichte und meinem Weg Mut machen möchte. Nicht nur dafür, das Schweigen zu brechen, sondern weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass gesund werden und ein selbstbestimmtes, normales Leben wirklich möglich sind.

Außerdem wünsche ich mir eine Welt, in der Menschen, die Schwierigkeiten haben, nicht mehr ausgegrenzt oder verurteilt werden. Eine, in der (psychische) Vielfalt Normalität ist und uns aneinander wachsen lässt.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?

Als ich krank wurde, waren meine Freunde überfordert und haben sich nach und nach von mir zurückgezogen oder sogar den Kontakt abgebrochen. Damals tat das furchtbar weh und hat mir nur noch mehr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Nach dieser Erfahrung habe ich mir Freunde gesucht, die genau wie ich psychische Probleme hatten – sogar mein Mann, mit dem ich dieses Jahr acht Jahre verheiratet bin – war psychisch krank, als wir ein Paar wurden. Die Allermeisten fanden das gefährlich, doch für mich und ihn war es das Beste, was uns passieren konnte. Betroffene verstehen sich. Sie müssen sich nicht erklären, warum man sich so oder so fühlt – aber gleichzeitig fehlt auch oft der Blick nach und von außen.

Heute weiß kaum einer in meinem unmittelbaren Umfeld, wie sehr ich einmal um mein eigenes Leben gekämpft habe. Eine Weile dachte ich, dass es weder wichtig noch etwas Besonderes wäre – doch das stimmt nicht. Es ist nicht selbstverständlich. Absolut nicht. Und genau deshalb wünsche ich mir, dass mehr Menschen darüber reden. Nicht nur über die Krankheit an sich – sondern auch über ihre eigene Geschichte. Denn ich bin überzeugt, dass jede Seele, die erkrankt ist, ihre ganz eigenen Gründe hat, die ausgesprochen und verarbeitet werden müssen – um überhaupt heilen zu können

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Zumeist hat mir geholfen, nicht mehr gegen mich selbst anzukämpfen. Mich nicht mehr zu verstellen oder anzupassen oder zu funktionieren, um meiner Familie oder der Gesellschaft zu gefallen. Meine Bedürfnisse, Wünsche und Träume spüren zu lernen und sie nicht mehr auf später zu verschieben, sondern im Gegenteil, an erste Stelle zu stellen. Mich ernstzunehmen und anzusehen, was da in mir so weh tut. All das hat mir meinen eigenen Weg geöffnet – den Weg zu mir selbst und zu einem Leben, in dem ich glücklich bin und Ängste und Erinnerungen mich nicht mehr lähmen.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Früher hat mir vor allem das Schreiben geholfen und auch heute noch verarbeite ich belastende Gefühle und Gedanken oder schwierige Situationen schreibend. Nicht mehr nur in Tagebucheinträgen, sondern als Autorin ganz besonders in fiktiven Geschichten. Mir hilft es, in den Kopf von jemand anderen zu schlüpfen, die Figur andere Entscheidungen treffen zu lassen als ich sie wählen würde, oder auch Dinge an die Hand zu geben, die ich mir wünschen würde. Dabei trete ich selbst zurück, betrachte Situationen, in denen auch ich persönlich stecke, und muss dabei nicht nur ehrlich zu mir selbst zu sein, sondern auch meine Bedürfnisse und Gefühle wirklich wahr- und ernst zu nehmen.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Es ist okay, anders zu sein. Du solltest dich nicht dafür schämen, was du empfindest oder dich verstellen. Denn da draußen in der weiten Welt gibt es Menschen, die dich verstehen und sehen können. Es lohnt sich zu kämpfen. Für dich und dein Leben.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Ein Mensch, dem es schlecht geht, braucht in erster Linie jemanden, der ihm oder ihr zuhört, der nicht verurteilt oder Ratschläge gibt, sondern einfach da ist und ernst nimmt. Aber gleichzeitig sollte ein/e Angehörige/r auch immer auf sich selbst achten – denn Geschichten von Betroffenen und ihre Leidenswege können hart und schrecklich sein. Reden ist wichtig – darüber, wie es einem geht, was man fühlt und denkt – aber auch das Setzen und Wahren der eigenen Grenzen.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich bin ein introvertierter Mensch, der Reize schlechter filtern kann als andere. Gleichzeitig bin ich einfühlsam, emphatisch und habe einen starken Gerechtigkeitssinn. Gerade mein starkes Fühlen ist es, was ich mittlerweile insbesondere an mir schätze. Es hilft mir, mich selbst und andere besser zu verstehen. Dieses starke Fühlen gibt mir die Fähigkeit , Schmerz und Verletzungen in Worte zu verwandeln, die dann wieder andere berühren.

 
Anina ist Autorin und Bloggerin. Auf www.seelenutopie.org berichtet sie über ihren ganz persönlichen Weg raus aus psychischer Krankheit und zeigt, wie kreatives Schreiben dabei helfen kann schwere Gefühle und Lebenssituationen zu meistern.