Oralophobie: die Angst vor dem Zahnarzt ist eine gelernte Angst, d.h. keiner wird mit dieser Angst geboren. Darum ist das Problem lösbar.

Name: Dr. Dr. Peter Macher
Beruf: Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Zahnarzt
Jahrgang: 1947
Therapieangebote/Hilfsangebote: Psychotherapie, Anti-Angst-Training für Oralophobiker, Paartherapie, Traumapatienten,Coaching

 

Persönliches Statement:

Die Angst vor dem Zahnarzt (Oralophobie) ist eine gelernte Angst, d.h. keiner wird mit dieser Angst geboren. Darum ist das Problem lösbar.

 

Wie definiert ein/e Experte/in die Erkrankung? Welche Kriterien müssen für eine Diagnose vorliegen und was sind die typischen Symptome?

Zahnbehandlungsangst oder Zahnbehandlungsphobie (Oralophobie) ist ein weltweit verbreitetes Phänomen und tritt unabhängig von Ethnologie, Kultur oder wirtschaftlichen Bedingungen auf. In der Regel sind die Betroffenen durch eine zahnärztliche Behandlung traumatisiert worden und haben Angst vor Schmerz.
Auch Patienten mit Unfällen oder traumatisch sexuellen Erfahrungen entwickeln oftmals eine Zahnbehandlungsphobie/-angst, ohne jemals in ihrem Leben negative Erfahrungen durch Zahnbehandlungen erlitten zu haben. Bei diesem defensiven Reaktionsmuster handelt es sich um keine zahnbehandlungsbezogene Angst/Phobie, sondern primär um einen Schutz der organischen und psychologischen Intimbereiche, was sowohl Abwehr als auch eine Protektion vor Retraumatisierung darstellt.

Hauptsymptom ist das Vermeidungsverhalten, auch wenn bereits gesundheitlicher Schaden entstanden ist.
Ein zusätzliches Symptom ist das ausgeprägte Schamgefühl, oftmals im Sinne einer „traumatischen Scham“.
Im schlimmsten Fall sind die Betroffenen suizidal, wenn sie keine Hilfe erfahren.
Die Zahnbehandlungsphobie ist eine Krankheit und erfüllt nach ICD-10-GM die Kriterien einer phobischen Störung (F40.2) und damit einer psychischen Erkrankung wenn folgende Punkte gegeben sind:
1. Die psychischen oder vegetativen Symptome müssen primäre Manifestationen der Angst sein und nicht auf anderen Symptomen wie Wahn oder Zwangsgedanken beruhen.
2. Die Angst muss auf die Anwesenheit eines bestimmten phobischen Objektes oder auf eine spezifische Situation begrenzt sein.
3. Die phobische Situation wird – wann immer möglich- vermieden.

 

Welche Vorurteile bzw. welche falschen Vorstellungen gibt es in der Gesellschaft zu der Erkrankung?

Wie alle psychisch Kranken wird auch der Oralophobiker von der Gesellschaft stigmatisiert. Meistens als „Weichei, Feigling, Angsthase, Muttersöhnchen, Memme, Asozialer, Gebissschwein, “Und wie auch Menschen mit Flugangst, Aufzugsangst, Agoraphobie … etc. darf er nicht auf Verständnis oder Akzeptanz in der Bevölkerung hoffen, denn: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.” (Angebl. v. Einstein).

 

Was sind die klassischen bzw. hilfreichsten Therapiemöglichkeiten?

1. Behandlung in Narkose
Narkose heilt keine Angst! Daher nicht hilfreich.
Wer verspricht, Zahnbehandlungsphobie/Oralophobie durch eine Narkosebehandlung beseitigen zu können, täuscht den Betroffenen. Eine Behandlung unter Narkose verhindert nämlich, dass der Patient grundlegende Erfahrungen auf der perzeptiven Ebene macht und somit kann keine angstreduzierte und bewusste Neuerfahrung stattfinden. Die Indikation für Narkose ist eine völlig andere.
Wissenschaftliche Standards empfehlen bei psychischen Erkrankungen oder Traumen eine psychotherapeutische Behandlung ggf. mit psychopharmakologischer Unterstützung und keine Narkose.

2. Hypnose
Nicht jeder Patient ist so suggestibel, dass er sich der Hypnotherapie erfolgreich unterziehen kann.
Zudem fordert die Hypnose einen sehr gut ausgebildeten Behandler und ist als Verfahren sehr aufwändig. Es gibt keine Studien, die beweisen, dass Oralophobie mit Hypnose heilbar ist.

3. Konfrontationstherapie
Wirksam, zeitaufwändig, Behandler muss gut ausgebildet sein, gibt es aber praktisch nicht.

4. Duftstoffe
Können hilfreich sein, wenn der entsprechende „Präferenzduft“ gefunden wird. Dies ist jedoch sehr schwierig herauszufinden.

5. Spezielle Musik
Lenkt ab, heilt aber keine Angst.

Diese Methoden zeigen alle den Nachteil, dass sie zeitaufwändig sind und dass der Betroffene letztendlich erneut in eine passive Situation gebracht wird. Sie werden den Vorstellungen von einer primären Autonomisierung des Betroffenen nicht gerecht. Zudem besteht ein ständiges psychologisches Ungleichgewicht zwischen Behandler und Betroffenem, was eventuell einer ehemaligen traumatisierenden Täter-Opferrelation entsprechen könnte.

6. Das Anti-Angst-Training (AAT) für Oralophobiker

Aus diesem Grunde wurde ein anderer therapeutischer Ansatz entwickelt: Das Anti-Angst-Training (AAT). Dies ist bisher die erfolgreichste Methode.

Schon aus der Bezeichnung geht für den Betroffenen hervor, dass es sich um eine Trainingsmaßnahme handelt, die auf der Freiwilligkeit und ausschließlich auf den zur Verfügung stehenden Ressourcen des Betroffenen beruht. Dies bedeutet, dass der Betroffene in diesem Verfahren auch nur so lange an den einzelnen Trainingsschritten teilnimmt, wie er über gesunde und stabile Ressourcen verfügt, beziehungsweise solange es ihm dadurch gelingt, sich einer ehemals als traumatisch erlebten Situation zu nähern.

Um einen Therapieansatz zu finden, der dieser Problematik gerecht wird, muss von therapeutischer Seite aus ein Umdenken erfolgen. Genauso wenig, wie bei einer Hundephobie der Hund das Problem ist, genauso wenig ist es beim zahnärztlichen Angstpatienten die Zahnbehandlung. Das Grundproblem ist die Angst und nicht eine zahnärztliche Maßnahme. Es ist von grundlegender Wichtigkeit, dass dies der Betroffene begreift. Ist er angstfrei, kann er auch die notwendigen zahnärztlichen Maßnahmen durchführen lassen. Angstfrei kann er aber nur werden, wenn er die Behandlungssituation kontrolliert und das Gefühl der Autonomie und der Unverletzlichkeit besitzt. Die zahnärztliche Behandlung ist dann das zwangsläufige Ergebnis, das sich aus dem Trainingsschritt entwickelt hat und nicht umgekehrt.

Dies ist ein fundamentaler neuer Ansatz, da die übrigen Therapieformen darauf fokussiert sind, zahnärztliche Maßnahmen zu ermöglichen. Dies kann bei Patienten Ängste auslösen, da sie sich auf eine Behandlungsform einlassen sollen, die zum Ziel hat, eine Situation zu schaffen, die sie befürchten.

Durch die Methode des AAT lässt sich die Angst erfolgreich und signifikant verringern. Dies ist durch eine wissenschaftliche Studie der Universität Mainz nachgewiesen.

 

In wie weit ist eine Heilung, ein gutes Leben mit der Störung möglich?

In der Regel ist eine weitgehende Heilung des Leidens möglich, die auch ein „normales“ Leben ermöglicht. Der Zahnarztbesuch wird jedoch nicht zu einem „Wellness-Event“, weil er das bei 70% der Menschen ohnehin nicht ist. Er wird aber zu einer Situation, die der Betroffene nicht mehr vermeiden muss.

 

Welche besonderen Fähigkeiten haben Betroffene?

Die Betroffenen sind ganz normale Menschen mit allen möglichen Fähigkeiten. In der Regel sind sie aufgrund des Traumas sehr sensibel.

 

Für weitere Informationen zum Thema Zahnbehandlungsangst gibt es ein bestehendes Netzwerk, über diesen Link erreichbar. Auch sind Informationen auf diesem youtube-Kanal zu finden, wie es auch die Seite Oralpsychologie gibt.

Dr. Dr. Peter Macher ist in 82319 Starnberg zu Hause