Tina Mutmachleute

Stell dir vor … Ein Perspektivwechsel mit einer Betroffenen

In der Gesellschaft herrschen noch sehr viele Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nicht selten wird ihnen unterstellt, sich nicht genügend anzustrengen, nicht genügend motiviert zu sein, oder zu „faul” zu sein, um etwas an sich oder der Situation zu ändern. Psychische Leiden werden nicht als ernste Erkrankung anerkannt – im Gegensatz zu körperlichen Krankheiten. Die Stigmatisierung von betroffenen Menschen ist nicht nur verletzend, zuweilen demütigend und demotivierend – schlimmer noch: Wenn Menschen glauben, sich verstecken zu müssen, nicht über sich und ihre Probleme und Krankheit sprechen zu können, drohen Stress und Angst nur mehr zu einem Teufelskreis zu werden. Sie wagen es dann nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen – mit eventuellen fatalen Folgen für die eigene Gesundheit oder sogar das eigene Leben.

Ein Perspektivenwechsel kann helfen, Betroffene besser zu verstehen, statt sie zu verurteilen. So bitten wir alle, die die Existenz psychischer Erkrankungen verleugnen oder belächeln – womöglich einfach aus Unwissen– sich einmal mit der anderen Seite zu beschäftigen, und nicht zuletzt mit der Frage an sich selbst, ob er oder sie davor gefeit ist, selbst Betroffene/r werden zu können.

 

Du denkst:

Erkrankungen am Körper – ja die gibt es. Krebs, Diabetes, AIDS, Mumps und Masern, ein gebrochenes Bein – das kennt man. Davon hat man ja mal gehört.

Erkrankungen der Seele, der Psyche? Was soll das sein? Da muss man sich schon ein bisschen anstrengen, so etwas gibt’s doch nicht, daran ist man schon selber schuld, sich so gehen zu lassen. Einfach mal rausgehen an die frische Luft, einen Kaffee trinken gehen, oder Schokolade essen und mal ein bisschen abspannen. Sind dies deine Empfehlungen, die du machen kannst, wenn eine/r nicht mehr so „funktionieren“ kann, wenn eine/r nicht mehr weitermachen kann, wie gewohnt, wenn eine/r deine Hilfe braucht, wenn eine/r nicht mehr leben will?

 

Dann stell dir vor:

Manchmal hast du einen schlechten Tag. Es kommt eine Nachricht, die nichts Gutes heißt. Es passiert etwas, das dich traurig macht. In der Arbeit gibt es jemanden, der dich mobbt, deine Kollegen mögen dich nicht. Du hast deine Arbeit verloren, oder einen Freund, negative Ereignisse aus der Vergangenheit, die du scheinbar schon verarbeitet hast, ziehen dir plötzlich den Boden unter den Füßen weg …

Jeder deiner Tage ist so: Jeden Morgen aufwachen, und nicht wissen, wie du den Tag schaffen sollst. Es gibt so viele Gedanken, die dich quälen. Und deine Gefühle, die spürst du nicht mehr. Nichts mehr kann dich aufheitern. Alles scheint dir sinnlos. Und manchmal denkst du, dein Leben zu beenden, wäre die einzige Möglichkeit, um den inneren Schmerz zu beenden.. Du findest keinen Ausblick, du findest keinen Halt, um dich herum gibt es nur noch Schwärze.

Jeden Tag hast du Angst vor dem Leben. Angst vor den Erinnerungen. Angst, das Haus zu verlassen, Angst, die Prüfung nicht zu schaffen, Angst, dass andere dich beobachten. Stell dir vor, diese Angst frisst dich von innen auf, du versuchst, sie abzuschütteln, aber sie kommt immer wieder, immer hartnäckiger, sie überfällt dich aus dem Nichts, du bist ihr ausgeliefert. Und du weißt nicht mehr, wie du allem gerecht werden sollst.

 

Und stell dir vor allem vor:

Du siehst die schrecklichen Dinge im Fernsehen, liest darüber in der Zeitung, im Internet. Du hast Geschichten und Berichte und Erzählungen gehört, die nicht wahr sein können, so schlimm sind sie.

Du weißt, dass es böse Menschen gibt, rücksichtlose, auch gefährliche, jene, denen das Wohl anderer nichts bedeutet. Und nun stell dir vor, du bist einmal solchen Menschen persönlich begegnet …

 

Und ich:

Ich habe Dinge gesehen oder erlebt, die so schrecklich sind, dass sie unaussprechlich sind; die Erinnerungen daran oder Bruchstücke brechen mir das Herz, sie schalten meinen Verstand aus, wenn sie wiederkommen – weil ich sie sonst nicht aushalten kann.

Ich habe Menschen erlebt, die mir Angst machten, gegen die ich mich nicht wehren konnte, und niemand hat mir geholfen, niemand hat mich gehört. Ich habe Angst, Menschen zu vertrauen, weil Menschen mich im Stich ließen oder weil sie mir weh taten; ich habe Angst, die Wohnung zu verlassen, weil ich nicht weiß, was mich draußen erwartet. Weil ich nicht mehr weiß, was das Leben von mir erwartet. Wie ich dem Leben begegnen kann.

 

Stell dir vor:

Du tauschst für einen Tag mit mir. Denkst du dann immer noch, ich würde simulieren? Mich dem Leben nicht stellen? Es würde reichen, an die frische Luft zu gehen? Glaubst du immer noch, jeder ist für seine Vergangenheit verantwortlich – man müsse nur nach vorne sehen? Denkst du noch immer, das könne nicht so schwer sein? Meinst du immer noch zu wissen, psychische Krisen und Erkrankungen könne man belächeln? Dass die betroffenen Menschen keine Hilfe bräuchten?

 

Lass uns miteinander sein – nicht neben- oder gegeneinander.

 

Ich wünsche mir von dir:

Hör mir zu, wenn ich etwas zu erzählen habe.

Gib mir einen Rat, wenn ich dich darum bitte.

Nimm mich an der Hand, wenn ich selbst den Weg nicht mehr finde.

Verstehe, dass ich nicht immer funktionieren kann, wie es von mir erwartet wird.

Lass meinen Tränen Lauf, akzeptiere sie und spende mir Trost.

Sieh mich an, wenn es mir schlecht geht, und erinnere mich an die guten Tage.

Steh zu mir an allen Fronten.

Sei bei mir, wenn ich weine.

Schweige mit mir, wenn ich nichts sagen möchte.

Hinterfrage, wenn ich mich verschließe und vergrabe.

Gib mir ein Signal: dass du da bist, und ich auf dich vertrauen darf. So wie du mir vertrauen darfst.

Und vor allem: Bitte nimm mich und meine Gefühle ernst!

 

Dann können wir voneinander lernen. Dann können wir uns gegenseitig Mut machen.

 

 

Text: Tina Meffert

Foto: privat (TM)