Looking back, moving forward! – Ich mache aus dem, was war, die Kraft für das, was werden kann!
Name: Priscilla Sarah Candida Haage
Beruf: Seit 2017 EX-IN Genesungsbegleiterin (Freiberuflerin), Resilienztrainerin, DBT-Peer Coachin, bildende Sozialkünstlerin, Inhaberin des Atelier cocon coloré / Inklusionsraum Community Art Space
Jahrgang: 1988
Betreut Klient*innen: Betroffene von Persönlichkeitsstörung mit Borderlinemuster, Angststörung, Sucht, Essstörung, Depressionen; Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Beeinträchtigung; Angehörige: Geschwister, Kinder von Alkoholkranken Eltern, Heroinabhängigen, und Schizophrenieerkrankten Menschen, Angehörige von Menschen mit Borderline Muster; und allen Menschen unabhängig von einer Diagnose, die ihre Selbstfürsorge / Resilienz, sowie ihre Gefühlsregulation und Kreativität entwickeln und sich stärken möchten.
Therapieangebote/Hilfsangebote: Peer – Beratung, Resilienz & Skillstraining (DBT-Peer Coaching), Selbstfürsorge/Selbstwertstärkung, Vermittlung sozialpsychiatrischer Angebote, Einzelfallhilfe, Vorträge, Gruppenangebote, Angebote für Unternehmen, Workshops, Kunstangebote
Welche persönliche Krisenerfahrung hast du als (ehemalige) Betroffene gemacht? Auf welchem Gebiet bist du eine Erfahrungsexpertin geworden?
Ich bin Expertin aus eigener Erfahrung und meinem persönlichen Recoveryweg. Meine persönliche Erfahrung ist eine Persönlichkeitsstörung mit Borderlinemuster, Sucht, Binge Eating, Angststörung sowie Erfahrung als Angehörige von einem heroinsüchtigen Menschen und Kind alkoholkranker Eltern.
Was früher meine größte Herausforderung war ist heute meine Stärke: Meine Intensität ist zu einer Gabe geworden. Meine Erfahrung ermöglicht es mir, Menschen mit Verständnis, Empathie und Authentizität auf ihrem eigenen Weg zu begleiten und zu unterstützen.
Inwieweit ist deiner Meinung nach eine Heilung, ein gutes Leben mit der Krankheit möglich?
Wir Recovery-Bewegten haben das Ende der Unheilbarkeit eingeläutet!
JA-Ich glaube, dass Heilung möglich ist und dass man trotz einer psychischen Erkrankung ein gutes und erfülltes Leben führen kann! Manche Erkrankungen können in Remission gehen. Das bedeutet, dass man einen so guten Umgang damit entwickelt, dass man irgendwann kaum oder gar nicht mehr darunter leidet oder Belastung erfährt dadurch.
Für mich geht es aber auch nicht immer nur um die Frage „krank oder gesund?“. Ein wichtiger Begriff ist für mich Recovery. Recovery ist ein ganz individueller Weg. Es geht darum, eigene Überzeugungen, Werte und den Umgang mit seinen Gefühlen zu verändern und trotz psychischer Herausforderungen ein selbstbestimmtes, erfülltes und hoffnungsvolles Leben zu führen.
Für mich ist Recovery auch ein lernender Prozess. Krisen sind nicht nur etwas, das einen zurückwirft, sondern können auch Entwicklung und Veränderung möglich machen. Ich persönlich erlebe Krisen immer wieder wie kleine Metamorphosen. Nach einer Krise komme ich oft an einen neuen Entwicklungsstand, weil sich etwas in mir verändert hat.
Manchmal merke ich erst durch eine Krise, dass etwas nicht mehr zu mir passt oder dass ich bei einem bestimmten Thema noch einmal genauer hinschauen darf. Für mich sind das meine persönlichen Challenges, aus denen ich etwas lernen kann. Aus jeder Krise nehme ich etwas mit und entwickle mich dadurch weiter. Es ist für mich ein Prozess des Lernens, Wachsens und immer wieder Neuwerdens und so erlebe ich mein posttraumatisches Wachstum.
Krisen gehören für mich zum Leben dazu. Jeder Mensch kann Krisen erleben – unabhängig davon, ob eine Diagnose vorhanden ist oder nicht. Entscheidend ist für mich, wie wir lernen, damit umzugehen und was wir daraus für uns mitnehmen!
Welche Vorurteile bzw. falschen Vorstellungen gibt es in der Gesellschaft zum jeweiligen Erkrankungsbild, das auch dich betroffen hat?
Borderline
Selbstverletzendes Verhalten ist Aufmerksamkeitsverhalten; Borderliner*innen können nicht lieben und sind manipulativ; Die Erkrankung ist unheilbar; Jetzt steigere dich doch nicht so rein, du musst doch nur anders denken; Sie können keine stabilen Beziehungen führen.
Sucht
Einmal süchtig immer süchtig; Das sind doch alles Junkies; Die haben nicht genug Willensstärke; Süchtige sind selbst schuld, wollen nur nicht arbeiten.
Essstörung
Die müssen doch nur mehr/weniger essen; Ist doch nichts anderes als Kontrollverlust; Das ist doch kein richtiges Problem.
Und das ist nur ein kleiner Bruchteil von Vorurteilen und Stigma, denen man als Betroffene/r begegnet.
Wie hilfst du betroffenen Menschen in Einrichtungen ganz persönlich und welche hilfreichen Therapiemöglichkeiten gibt es deiner Meinung nach?
Zuhören & da sein – einfach zuhören, ohne zu bewerten, Halt geben und gemeinsam aushalten
Stärken & Mut machen – Ressourcen entdecken, Selbstvertrauen stärken und Mut für nächste Schritte machen
Sprachrohr sein – auf Wunsch Bedürfnisse und Wünsche unterstützen und für die Person einstehen
Selbstfürsorge & Selbstwertstärkung – eigene Bedürfnisse wahrnehmen, Grenzen setzen und einen wertschätzenden Umgang mit sich selbst entwickeln
Skills-Training – hilfreiche Strategien für schwierige Situationen und Krisen kennenlernen und im Alltag anwenden
Umgang mit Emotionen & Anspannung – Gefühle besser verstehen, regulieren und mit innerer Anspannung umgehen lernen
Achtsamkeit & Meditation – zur Ruhe kommen, im Moment ankommen und die eigene Wahrnehmung stärken
Empowerment & Selbstwirksamkeit – die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten wiederentdecken und erfahren: Ich kann selbst etwas verändern und Einfluss auf mein Leben nehmen.
Individuelle Unterstützung & Zielsetzung – gemeinsam herausfinden, was gerade wichtig ist, Ziele entwickeln und Schritt für Schritt umsetzen
Resilienztraining – eigene Ressourcen stärken und einen besseren Umgang mit Herausforderungen und Krisen entwickeln
Begleitung zu Terminen & Ämtern – Unterstützung bei Arzt-, Behörden- und anderen wichtigen Terminen
Bürokratische Themen – Orientierung und Unterstützung beim Sortieren, Verstehen und Bearbeiten von Anträgen und Unterlagen
Therapiesuche & Unterstützung im Hilfesystem – Orientierung bei der Suche nach passenden Therapie- und Unterstützungsangeboten
Wiedereingliederung & Teilhabe – Begleitung bei der Rückkehr in Alltag, Arbeit, Beschäftigung und soziale Strukturen
Freizeitgestaltung – gemeinsam Interessen entdecken, Aktivitäten planen und passende Freizeitmöglichkeiten finden
Gruppenangebote & Workshops – Austausch, Skills, Kreativität, Resilienz und persönliche Entwicklung in der Gruppe
Aufklärung & Psychoedukation – verständliche Informationen zu psychischen Belastungen, Umgang damit und möglichen Unterstützungsangeboten
Ich begleite intuitiv, unterstütze Menschen auf Augenhöhe und richte meine Begleitung ganz nach Ihrer persönlichen Situation, Ihren Bedürfnissen und dem, was Sie gerade brauchen. Ich arbeite ressourcenorientiert, wertschätzend und wohlwollend und schaffe somit einen liebevollen, sicheren Raum. Aus meiner Betroffenenperspektive, meinem umfangreichen Erfahrungsschatz, sowohl meinem individuellen Recovery-Weg kann ich den Blick für andere Verständnisebenen und Lösungsansätze anbieten. Aufgrund meines sehr breit gefächerten Erfahrungsspektrums biete ich ein hohes Maß an Verständnis. Ich agiere als Brücke zwischen Profis und Patienten und unterstütze die Behandlung. Mein spezielles Angebot im COCON RAUM verbindet Kreativität als Entfaltung und zur Regulationsmöglichkeit, ebenso begleite ich den Menschen ihren Intuitiven Zugang zu sich und ihrer Kreativität zu finden und sie als transformative Kraft zu nutzen. Das Atelier bietet einen Schnittpunkt für Inklusion, Erforschung und Genesung.
Welche hilfreichen Therapiemöglichkeiten gibt es deiner Meinung nach?
Meine Erfahrung mit hilfreichen Therapiemöglichkeiten ist sehr vielfältig. Für mich gibt es nicht die eine Therapie, die für alle Menschen passt. Entscheidend ist, was zur jeweiligen Person, ihrer Lebenssituation und ihren individuellen Themen passt.
Hilfreiche Therapieansätze waren für mich:
* DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) & Skills-Training
* Verhaltenstherapie
* Traumatherapie
* Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
* Hypnosetherapie
* Psychoedukation & ergänzende Gruppenangebote
* Kreativ- und ressourcenorientierte Ansätze
Ich selbst habe mit den aufgezählten, verschiedenen Therapieformen sehr gute Erfahrungen gesammelt und finde es wichtig, offen zu schauen, was für den einzelnen Menschen hilfreich ist und sich stimmig anfühlt.
Welche besonderen Fähigkeiten haben Betroffene? Wie kannst du ihnen als ehemalig Betroffene einen Weg zeigen, diese für sich zu finden?
Betroffene entwickeln im Laufe ihres Lebens besondere Fähigkeiten, für mich sind das teilweise echte Superkräfte. Durch die ganzen Erfahrungen, Krisen und Kämpfe, entwickeln sich Dinge, die man nicht einfach lernen oder aus einem Buch mitnehmen kann. Gerade durch die hohe Sensibilität und Feinfühligkeit haben viele Betroffene ganz feine Fühler. Sie können Stimmungen, Menschen und Situationen sehr intensiv wahrnehmen und die Welt dadurch auf eine ganz andere Art spüren, erfahren und mitnehmen. Dadurch können sie oft auch mit anderen Menschen einen ganz besonderen und tieferen Kontakt herstellen.
Gefühle werden teilweise viel intensiver erlebt und auch nach außen transportiert. Ich sehe genau diese Intensität nicht nur als Belastung, sondern auch als eine Gabe. Menschen können dadurch andere berühren, ihnen etwas mitgeben und die Welt auf eine andere Art wahrnehmen und bereichern. Durch die vielen Krisen und Erfahrungen entwickeln manche Menschen auch ein extremes Durchhaltevermögen. Sie haben schon so viel erlebt, dass sie nicht mehr so schnell aus der Bahn geworfen werden. Dadurch entsteht teilweise eine starke Resilienz.
Auch Kreativität, Lernfähigkeit, Empathie, Verständnis und eine besondere Geschwindigkeit im Denken oder Erfassen können solche Fähigkeiten sein. Manche Menschen sind unglaublich kreativ, andere besonders liebevoll oder haben eine ganz besondere Art, Zusammenhänge zu erkennen. Für mich ist das aber total individuell. Jede Betroffenheit und jeder Lebensweg bringt andere eigene Superkräfte hervor. Wichtig ist, irgendwann auch zu erkennen, was aus den schwierigen Erfahrungen entstanden ist!
Ich glaube, dass jede psychische Herausforderung neue Erkenntnisse, neues Wissen und neue Fähigkeiten mit sich bringen kann. Und manchmal entsteht daraus etwas ganz Eigenes – das eigene Licht, das man sich selbst und dann auch wieder in die Welt tragen und anderen Menschen schenken kann.
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