Borderline, Soziale Phobie, Depressionen: Ich bin mehr als ein Code auf dem Papier.
Betroffene: Finja
Jahrgang: 2006
Diagnosen: Borderline, Soziale Phobie, Depressionen
Therapien: mehrere stationäre Psychiatrieaufenthalte, ambulante Psychotherapie
Ressourcen: Kreatives Schreiben, Spazieren, Freund*innen, Familie
Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?
Ich war schon immer ein sehr emotionaler und ängstlicher Mensch. Richtig auffällig wurde es 2020/21. Diese Zeit war das dunkelste Kapitel in meinem Leben. Zum Glück hatte ich Menschen in meinem Umfeld, die mich in Behandlung gebracht haben.
Sehr viele Therapien später bekam ich dann endlich einen Namen für das, was mich innerlich immer begleitet. Seitdem kann ich gezielter an mir arbeiten und ein gutes Leben führen.
Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?
In den letzten Jahren musste ich oft am eigenen Leib spüren, wie grausam Stigmata und Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen mitten ins Herz von Betroffenen gehen und sich wie Gift darin ausbreiten. Deswegen ist es mir super wichtig, sichtbar, laut und aktiv zu werden, um etwas in der Gesellschaft zu verändern.
Mir wurden bewusst Steine in den Weg gelegt. Ein Weg, der eh schon von massiven Gebirgszügen gezeichnet ist.
Anstatt uns gegenseitig zu Fall zu bringen, wünsche ich mir, dass wir uns gegenseitig mehr die Hand reichen, um zusammen an den Herausforderungen des Lebens zu wachsen.
Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?
Mein Umfeld war ziemlich geschockt und anfangs unsicher, wie sie mit mir umgehen sollen. Ich habe Freund*innen und Familienmitglieder verloren, die nicht gut damit umgehen konnten.
Doch ich habe mindestens genau so viele neue Freund*innen gefunden und den Kontakt zur restlichen Familie vertieft, die mich wertschätzen und unterstützen.
Mein größter Wunsch wäre eine Gesellschaft, die offen über psychische Erkrankungen spricht und integriert.
Wir sind mehr als ein Code im ICD-10, die Vorurteile und Stigmata.
Wir sind Menschen.
Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?
Psychotherapie hat geholfen und hilft mir weiterhin, meine Krankheit zu verstehen und zu akzeptieren. Es war anfangs schwer und glich einem neuen Kennenlernen mit sich selbst. In der Klinik habe ich zum ersten Mal Menschen mit gleichen Schicksalsschlägen, Gedanken und Gefühlen kennengelernt und wir lernten gemeinsam über diese Hürden zu springen.
Dort habe ich gelernt:
Es ist okay, auch mal nicht okay zu sein!
Jede*r hat sein/ihr eigenes Päckchen zu tragen.
Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?
Wenn die Dunkelheit nach mir greift, schnappe ich mir eine leere Seite und fülle sie mit Worten. In diesem erschaffenen Zufluchtsort legen sich die meisten Stürme. Dazu höre ich Musik, nutze Skills aus der Therapie oder gehe spazieren.
Ab und zu helfen mir auch Freund*innen und Familie als Glühwürmchen in pechschwarzen Nächten. Zudem versuche ich mich auf die positiven Aspekte und Erinnerungen meines Lebens zu fokussieren.
Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?
Gib niemals auf, auch wenn es aussichtslos erscheint! Such dir Hilfe, wenn die Last auf deinen Schultern zu schwer für eine Einzelperson ist. Es ist hart, schwer und erfordert viel Mut, diesen Schritt zu gehen, aber jeder Schritt Richtung Besserung ist goldrichtig!
Du bist niemals allein!
Auf dieser Welt leben Menschen wie du, die ähnliche Schicksale teilen, jeden Tag kämpfen und das Leben mit der Erkrankung neu leben lernen müssen.
Jede*r hat dafür sein/ihr eigenes Tempo, weil jede*r von uns einzigartig ist.
Und wir alle verdienen ein lebenswertes Leben!Also, lass die Grenzen und Definitionen anderer nicht zu deinen eigenen Limitierungen werden!
Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?
Seid nicht zu hart zu uns und euch gegenüber! Wir leben alle das erste Mal.
Wir Betroffenen schätzen es sehr, wenn ihr uns unterstützt und dort abholt, wo wir gerade stehen.
Informiert euch über die Erkrankung, lasst euch beraten und nehmt selbst professionelle Hilfe in Anspruch.
Denn man kann nur geben, wenn man selbst genug Reserven hat!
Kommunikation und ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe sind das A und O!
Es wird nicht immer leicht sein, aber es wird – mit viel Anstrengung verbunden – auch unfassbar wertvolle und schöne Momente im Besserungs-/Heilungsprozess geben. Man wird gemeinsam wachsen und stärker sein als je zuvor!
Danke an alle Angehörigen, die uns als stille Superheld*innen im Hintergrund den Rücken freihalten und stärken! Ihr seid großartig!
Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?
Ich bin eine introvertierte Nachteule, die gerne Zeit in der Natur verbringt. Aufgrund meiner reiselustigen Einstellung bin ich für Abenteuer immer zu haben, aber liebe auch ruhige Stille.
Außerdem bin ich eine sture Kämpferin, die nie aufgibt und ihre Träume verwirklicht.
Besonders schätze ich meine Empathie, Emotionalität und Resilienz. Sie machen mein Leben absolut lebenswert!


