Tanja Salkowski Mutmachleute

Depressionen: Sei du. Sei authentisch. Und rede. Du bist nicht verkehrt. Du bist wertvoll.

Betroffene: Tanja Salkowski
Jahrgang: 1977
Diagnose: rezidivierende mittelschwere Depression, Hypomanien
Therapie: stationäre und ambulante Verhaltenstherapie
Ressourcen: Schreiben, mein Hund, Freunde, Musik

 

Wie und wann hast du von deiner Störung erfahren?

2008 von einer Psychologin. Zuvor ging es mir monatelang nicht gut. Kein Schlaf, Magenkrämpfe, grundloses Weinen, viel Alkohol, Ängste, Verkrümeln; ich habe überdurchschnittlich viel gearbeitet, hatte Panikattacken – das volle Programm. Irgendwann gab mir eine gute Freundin die Telefonnummer ihrer Psychologin. Da saß ich dann zwei Stunden, bis ich das erste Mal das Wort „Depression“ hörte.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Weil ich nach der Diagnose vier Jahre lang die Klappe gehalten hatte. Vor den Menschen um mich herum, aber auch vor mir selbst. Ich habe mich geschämt. Ich wollte nicht eine von den „Bekloppten“ sein. Ich wollte nicht abgestempelt werden. Ich hatte mich zunächst auch nicht in Therapie begeben. Für mich passte das nicht. Also machte ich weiter. Oskarreife Schauspielkunst. Bis 2012 dann der völlige Zusammenbruch mit einem Suizidversuch erfolgte. Danach habe ich mich entschlossen, die Wahrheit zu sagen, weil das Versteckspiel enorm viel Kraft kostete.

Die Entscheidung, endlich authentisch zu sein, war die beste, die ich jemals treffen konnte.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Es gab unterschiedliche Reaktionen. Die einen haben sich gar nicht mehr gemeldet, die anderen haben Zeit gebraucht, um das zu verdauen, und meldeten sich irgendwann mal wieder. Und eine Handvoll blieb bei mir und tanzte mit mir zwischen Himmel und Hölle. Ziemlich schnell hat sich also der Freundeskreis von selbst ausgesiebt.

Heute wähle ich ganz genau aus, wer in meinen „inner circle“ darf und wer nicht. Alle, die da drin sind, wissen, wer ich bin und können mit mir umgehen. Ich möchte mir nichts von meinem Umfeld wünschen müssen:

Entweder passen Menschen zu mir oder eben nicht. Ohne Kompromisse und ohne Bedingungen.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Die Bereitschaft der Akzeptanz kam erst in der Klinik. Das war erst in der 2. Woche meines Aufenthaltes. Vorher bin ich wie ein Zombie rumgelaufen und fragte mich, was ich hier soll. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich mich gerade als Patient in einem Krankenhaus befinde. Also dachte ich: „Hey, das muss doch einen Grund haben, warum ich hier bin.“ Es klingt merkwürdig, aber mir wurde dann schlagartig klar, dass ich weder bekloppt noch außerirdisch bin, sondern einfach nur krank. Der Gedanke befreite mich plötzlich von all diesen Vorurteilen, die ich mir selbst beigebracht habe. Ab da konnte ich mich darauf konzentrieren, wieder auf die richtige Bahn zu kommen.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Die bedingungslose Hingabe, dass es jetzt gerade einfach scheiße ist. Nicht dagegen ankämpfen, sondern die Krankheit annehmen. Mit der Gewissheit, dass es irgendwann mal wieder vorbei ist. Und dann gönne ich mir Couch-Tage ohne schlechtes Gewissen. Außerdem versuche ich so viel wie möglich an die frische Luft zu gehen. Ich meditiere viel. Und ich tausche mich mit Freunden aus – und wenn es nur per Whats App ist. Egal. Hauptsache, den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Sei du. Sei authentisch. Und rede. Du bist nicht verkehrt. Du bist wertvoll.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Nehmt alles ernst, was Betroffene sagen. Setzt sie nicht unter Druck. Lest Bücher über die Krankheit. Helft bei alltäglichen Dingen. Aber achtet auch auf euch selbst – denn ihr habt auch ein eigenes Leben. Es gibt auch mittlerweile tolle Selbsthilfegruppen für Angehörige. Reden ist auch hier mein ultimativer Tipp.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Oje. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich bin für andere ein großes Rätsel. Für mich manchmal auch. Ich bin sehr ambivalent. Und stets auf der Suche. Immer in Selbstreflektion. Das kann sehr anstrengend sein. Ich schätze an mir, ein Steh-auf-Frauchen zu sein. Ich hätte mindestens schon dreimal tot sein können, hätte ich nicht diesen tiefen Überlebenswillen in mir. Woher auch immer er kommt …

Tanja schreibt über ihr Leben mit Depressionen in ihrem Blog und hat bei den #Mutmachleuten bereits einen #Denkstoffartikel verfasst.