Panikstörung: Solange es das Stigma gibt, werde ich als Vogerl ganz laut dagegen zwitschern!

Betroffene: Katrin Peilsteiner

Jahrgang: 1987

Diagnosen: Panikstörung, Anpassungsstörung

Therapien: Psychotherapie seit 2014, Psychosoziale REHA 2022

Ressourcen: Yoga, singen in einem Chor, Bloggen über psychische Gesundheit

 

Solange Betroffene einer psychischen Erkrankung glauben, sie müssten sich verstecken, weil sie Angst vor Stigmatisierung haben, werde ich als Vogerl ganz laut zwitschern, um zur Entstigmatisierung beizutragen.

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?

Meine erste schlimme Panikattacke hatte ich 2007 – da war ich gerade 20 Jahre alt geworden. Leider wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, was mit mir los ist. Nicht meine Eltern, nicht die Ärzte und ich schon gar nicht. Mein Körper hat verrückt gespielt und niemand konnte mir sagen, was da gerade vor sich geht. Ich habe mich dann so verhalten, wie sich die Ärzte gegenüber mir verhalten haben und so getan, als wäre das alles nicht passiert und ich bilde mir das nur ein. Und das war auch mein Motto für die darauffolgenden Jahre. Ich tat so, als wäre alles in bester Ordnung, obwohl sich meine Panikattacken Jahr für Jahr verschlechterten.

Das erste mal mit der Diagnose „Panikstörung“ wurde ich 2014 konfrontiert, als ich zu einer Stationären Behandlung in eine Psychiatrie eingewiesen wurde. Das war auch zugleich der Höhepunkt meine Angst-Karriere. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht mehr mal das Haus verlassen, weil wirklich alles, eine Panikattacke ausgelöst hat.

Im ersten Moment war es sehr schwer für mich, zu akzeptieren, dass ich in der Psychiatrie bin. Immerhin ist – zumindest bei uns am Land – der Ruf einer Psychiatrie nicht besonders gut. Aber in Wirklichkeit war es für mich die Rettung. Ich konnte endlich verstehen was mit mir los ist und habe das erste mal in meinen Leben erfahren, dass es Therapie-Möglichkeiten gibt, um die Panikstörung zu behandeln. Das hat mein Leben nachhaltig verändert!

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich folge der Kampagne „Mutmachleute“ schon länger auf Instagram und ich finde es wichtig, dass sich so viele Betroffene Menschen wie möglich in die Öffentlichkeit stellen, um der Stigmatisierung den Kampf anzusagen. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung mit Stigmatisierung ist es mir dadurch außerordentlich wichtig, meine Geschichte und meine Erfahrungen öffentlich zu teilen. Außerdem möchte ich anderen Betroffenen Mut machen. Ihr seid nicht allein!

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?

Meine Familie – und auch ich – waren sehr erleichtert, als wie erfahren haben, was mit mir los ist. Das es eine psychische Erkrankung ist, die therapiert werden kann. Das hat uns Hoffnung und Zuversicht gegeben.

Von der Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass psychische Erkrankungen noch mehr angenommen und integriert werden. Denn schlussendlich sind die psychosozialen Gegebenheiten auch oft für psychische Erkrankungen mitverantwortlich. Und dann als Betroffene*r so tun zu müssen, als wäre alles in Ordnung, nehme aber heimlich Antidepressiva, weil ich mein Leben sonst nicht mehr meistern kann, ist sicher nicht die Integration die wir uns wünschen.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Als erstes musste ich einmal selbst akzeptieren, dass es eine psychische Erkrankung ist. Und das ist mir wirklich sehr schwergefallen, da ich auf keinen Fall eine psychische Erkrankung haben wollte. Ich bin ehrlich, eine physische Erkrankung wäre mir 1000 mal lieber gewesen. 😊

Als ich im Krankenhaus aber gesehen habe, was es alles für Wissen, Möglichkeiten und Therapien gibt, hat sich bei mir eine Zuversicht eingestellt und so konnte ich meine Erkrankung Stück für Stück immer mehr akzeptieren.

Und natürlich meine Therapeutin, sie hat mich ab Beginn meines Krankenhausaufenthaltes begleitet und war mir immer eine unglaubliche Stütze. Wenn ich wieder einmal alles auf einmal „zusammen räumen“ wollte, hat sie mich wieder eingefangen und sanft auf den richtigen Weg zurückgebracht.

Akzeptanz heißt auch geduldig mit sich sein. Denn nur wenn ich den Heilungsprozess geduldig annehmen kann, akzeptiere ich auch zugleich meine Erkrankung.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Die Pandemie-Jahre haben mich besonders gefordert. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre angstfrei, aber die diversesten Umstände in dieser Zeit haben meine Ängste genährt. Ich hatte im Sommer 2021 einen Rückfall. Also von einem Tag auf den anderen wieder Panikattacken.

So wirklich gefallen hat mir das natürlich nicht, aber hier haben mir die Erfahrungen aus den letzten Jahren schon enorm geholfen. Und mir war schnell klar, was ich tun muss, um mich und meinen Körper bestmöglich zu unterstützen und habe dementsprechend mit Stunden Reduktion, medikamentöser Behandlung und einer psychosozialen Reha gegengesteuert und somit auch schnell wieder in den Alltag zurückgefunden.

Ich glaube, um in Krisensituationen gut reagieren zu können, ist es unerlässlich sich selbst zu kennen und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Ein paar Beispiele von mir:

… eine Pause zu nehmen, wenn ich sie brache.

… Verabredungen oder Termine abzusagen, wenn ich es an diesem Tag nicht schaffe.

… Unterstützung zu holen, wenn es zu viel wird. Ich muss nicht immer alles alleine schaffen.

…  den Haushalt einmal hinten anstellen.

…  Keine Perfektion, gut reicht auch.

… Schlaf und eine warme Badewanne sind meine besten Freunde.

… Yoga oder ein Spaziergang, es muss nicht gleich Spitzensport sein.

 

Wenn ich meine Bedürfnisse in Krisensituationen nicht ernst nehme, dann rutscht man schnell ganz tief. Der Körper lässt sich nicht verar***en!

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Es gibt viele Therapie-Möglichkeiten, die einen in seiner persönlichen Situation unterstützen und helfen können. Das schlimmste was man tun kann, ist nichts zu tun und zu warten, dass es von selbst wieder besser wird. Verantwortung für sich selbst und seine Situation zu übernehmen, kann der erste Schritt auf Verbesserung seiner Lebensqualität sein.

Ich selbst habe jahrelang meine Erkrankung verdrängt und so getan, als wäre alles in bester Ordnung. Leider hat das meine Situation nur verschlimmert. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, wünschte ich, ich hätte schon viel früher mit meiner Therapie begonnen. Denn erst in der Therapie konnte ich mich selbst kennenlernen und vieles erst verstehen.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Verständnis und Geduld. Eine psychische Erkrankung ist nicht von Heute auf Morgen entstanden und wird auch nicht von Heute auf Morgen ausheilen.

Fragen wie: Kann ich etwas für dich tun? Was brauchst du heute? Gibt es etwas, wobei ich dich unterstützen kann? Soll ich dich zum Termin begleiten?, sind sehr wertvolle Fragen und als Betroffene habe ich das Gefühl, nicht alleine mit meinen Herausforderungen zu sein.

Vorwürfe hingegen sind meiner Meinung nach kontraproduktiv und können bei Betroffenen noch mehr Resignation hervorrufen.

Weiters gibt es auch ganz viel Info-Material im Internet und auch einige Vereine oder Organisationen, die ganz speziell Angehörige unterstützen. Es ist wichtig, auch als Angehörige*r über die Erkrankung gut informiert zu sein. Das kann einem die quälende Hilflosigkeit nehmen.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich bin ein von Grund auf positiver Mensch. Sehe immer Licht am Horizont. Ich bin hilfsbereit, lösungsorientiert und gehe gerne unkonventionelle Wege. Ich engagiere mich ehrenamtlich in einer Selbsthilfegruppe für Betroffene von psychischen Erkrankungen, weil es mir wichtig ist, Betroffene zusammen zu bringen und den Austausch zu fördern.

Schreiben ist meine Leidenschaft und wenn ich mit meinen Worten dabei auch noch Menschen inspirieren, zum Reflektieren oder zum Perspektivenwechsel anregen kann, dann hoffe ich, ein Stückchen mehr zur Entstigmatisierung beigetragen zu haben.

 

Mehr auf Katrins Homepage und bei Instagram.

Instagram: vogerlgezwitscher