Schizoaffektive Störung & Depressionen: Gemeinsam Menschen sein.

Name: Karolina De Valerio, Dr. theol., EX-IN Genesungsbegleiterin

Diagnosen: Schizoaffektive Störung, Depressionen

Jahrgang: 1961

Beschäftigt sich mit Klient*innen: Betroffene von Depression und deren Angehörige

Hilfsangebote: Schreibwerkstatt, Peer-Beratungstelefon, Stammtisch, jeweils für Betroffene und Angehörige, Vorträge, Lesungen, Patientenperspektive vertreten in Forschungsprojekten

 

Auf welchem Gebiet bist du Expert*in und wieso gerade zu diesem Thema?

Im Reden und Schreiben über die Brüchigkeit unseres Lebens durch die Erfahrung eigener langer schwerer Krankheit und der meines Vaters.

 

Welche Vorurteile bzw. falschen Vorstellungen gibt es in der Gesellschaft zum jeweiligen Erkrankungsbild?

Depression nicht ernst nehmen oder im Gegenteil dramatisieren, Betroffenen wenig zutrauen und sie abstempeln: einmal krank, immer krank, z.B. immer übersensibel, immer schwarzsehend. Menschen, die von psychischer Erkrankung genesen sind, kommen in den Medien auch kaum vor!

 

Wie hilfst du betroffenen Menschen ganz persönlich und welche hilfreichen Therapiemöglichkeiten gibt es deiner Meinung nach?

Selbsthilfe stärken, in Würde zu sich stehen lernen und Ressourcen sehen statt Defizite, sich selbst loben und lieben lernen, in und an Krisen wachsen in allen erprobten Therapieformen.

 

Inwieweit ist deiner Meinung nach eine Heilung, ein gutes Leben mit der Krankheit möglich?

Ich habe umdenken gelernt: weg von Perfektionismus und Leistung als Lebensmotivation. Leben ist mir geschenkt. Ich möchte meine Vergangenheit annehmen, mich wert schätzen. Ich bin auf dem Weg zu mir. Das ist harte Lebensarbeit, die zusammen gelingt (Freund*innen, Therapeut*innen, Arbeit, Hobbies wie Singen, Handarbeiten)

 

Welche besonderen Fähigkeiten haben Betroffene?

Krisenerfahrung und Umgang mit Krisen! Betroffene zeigen, dass nicht alles machbar ist, nicht jede*r alles kann: denn Familie und Herkunft, auch genetische Disposition kann sich niemand aussuchen und schwere Bedingungen in Kindheit und Jugend haben langwierige Folgen.

Betroffene sind die Achillesferse unserer Leistungsgesellschaft mit ständiger Erreichbarkeit, Mobilität, Freizeitstress, Optimierungswut. Betroffene zeigen, dass es Grenzen gibt und dass mentale Gesundheit nicht selbstverständlich ist.

Als Genesungsbegleiterin möchte ich Stimme und Gesicht zeigen, Mut machen: es ändert sich, Leben gelingt wieder, auch mit Einschränkungen. Gemeinsam Erfahrungswissen teilen, sich begleiten, gemeinsam für unsere Menschenrechte kämpfen und gemeinsam Menschen sein in allen seelischen Facetten.

 

 

Foto: Dirk-Martin Heinzelmann