Wenn Betroffene zu Angehörigen werden.

Wenn Betroffene zu Angehörigen werden.

 

Ich habe eine wunderbare Freundin. Sabine (Name von der Redaktion geändert) ist betroffen von der Bipolaren Störung und hat Symptome der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung (Borderline).
Lange war ihr Ehemann in Krisensituationen der Anker, der sie stabiler und ruhiger machte.
In der Beziehung der beiden war er die große Stütze.

Doch nun hat sich das Blatt gewendet.

 

Aus der Bahn geworfen.

Sabine wuchs in einem zerstörerischem Umfeld mit manipulativen Bezugspersonen auf. Früh musste sie lernen, mit Schicksalsschlägen umzugehen, selbstständig zu werden – und von Menschen Abstand zu nehmen, die ihr schadeten und ihr schädliches Umfeld zu verlassen. Sie wurde schon in jungen Jahren mit dem Verlust von Menschen konfrontiert, die ihr wichtig waren. Ihre Erlebnisse bereiteten einen Weg, die die gesunde Entwicklung einer Jugendlichen unmöglich machten.

Nachdem sie mit 18 Jahren endlich das Kinderheim verlassen durfte, lernte sie bald ihren späteren Ehemann Uli (Name von der Redaktion geändert) kennen.

Noch vor der Hochzeit bekam Sabine eine erste manische Phase. Sie hatte Verhältnisse mit anderen Männern. Während mehrerer Jobodysseen kamen und gingen die Manien, gefolgt von Depressionen oder auch normalen Phasen, die sich abwechselten wie die Jahreszeiten. Sie gab zu viel Geld aus, übernachtete in Hotels mit anderen Männern. Mehrere Klinik- und Krankhausaufenthalte, ein Umzug weg aus der Heimat und wieder zurück, ein Suizid in der Familie, gesundheitliche Probleme, wiederum Psychiatrieaufenthalte, Medikamente und neue Schulden … all dies würde reichen, um gleich mehrere Menschen aus der Bahn zu werfen.

 

 

Und immer wieder warten Ulis offene Arme auf Sabine.

Uli, der all das immer hautnah miterlebte und sogar von den Affairen wusste, empfing sie immer wieder mit offenen Armen und offenem Herzen. Wenn die Manien vorbei waren, hatte er Heimweh nach ihr – und sie hatte Heimweh nach ihm. Uli verzieh ihr, er wusste, wenn eine Phase kam und wann sie vorbei war.

„Komm nach Hause.“

Sagte Uli nach einer manischen Episode. Diese Worte wird Sabine nicht vergessen und ich auch nicht.

 

 

Die wilden Zeiten sind vorbei.

Wenn sie daran denkt, muss Sabine weinen. Es sind Tränen des Glücks und der Dankbarkeit vor einem Mann, der sie immer wieder beschützte, der ihr immer wieder die Hand gab. Ganz einfach, weil er sie liebt.

Nach über 20 gemeinsamen Jahren ist Sabines Leben ruhiger geworden. Das Ehepaar lebt in einer Eigentumswohnung mit seinen Hunden, Uli ist berufstätig, Sabine lebt von der Erwerbsminderungsrente. „Die wilden Zeiten sind vorbei“, sagt Sabine.

 

 

Und nun ändern sich die Perspektiven: Eine Betroffene wird zur Angehörigen.

Uli ist krank geworden, sehr krank. Er hat erkennen müssen, dass er nach 30 Jahren Berufstätigkeit ohne nennenswerte Ausfälle – nach 30 Jahren „funktionieren“ – krank ist. Er hat mehrere Operationen vor sich, und niemand weiß, wann er soweit genesen ist, dass er wieder in seinen Beruf und zum Alltag zurückkehren kann.

Die beiden erleben eine völlig neue Situation. Die Perspektiven ändern sich. Aus der Betroffenen wird eine Angehörige. Sabine reißt das Ruder herum. Sie ist da für ihren Mann, pflegt ihn, unterstützt ihn, wo und wie sie kann, sie regelt die Arzt- und Kliniktermine, kümmert sich um die Hunde, kocht, geht einkaufen, managt die bürokratischen Angelegenheiten. Kurzum: sie schafft das, was Uli vorher für sie war, und das trotz ihrer Erkrankungen. Weil sie es kann.

„Jetzt erleben wir eine völlig neue Situation … Uli ist krank, und es funktioniert trotzdem! Mein Fels in der Brandung ist kurzfristig gestrandet. Dank dieses Mannes habe ich so viel Kraft und Stärke schöpfen können, dass jetzt, wo er ausfällt, ich ihn unterstützen kann und darf. Und ich weiß, dass ich es kann! Er wird im Krankenhaus sein und es wird hier weitergehen. Mit allem, was sonst noch wichtig ist. Und ich werde nicht aus der Bahn geworfen, denn “machen, machen, machen” war immer mein Lebenselixier.”

 

 

Eine Hommage an alle – Betroffene wie Angehörige.

Denn niemand weiß, ob er nicht irgendwann einmal die eigene Perspektive wechseln muss oder darf.

Wer also behauptet, dass psychisch kranke Menschen nicht die Stärke besitzen für andere Menschen da zu sein aus Liebe oder einfach, weil sie es können?

Und wer behauptet, psychisch kranke Menschen oder jene, die eine Krise durchmachen, hätten nicht genug Weitsicht, sich um andere zu kümmern?

Wer behauptet, dass sie nicht gute Zuhörer, Psychologen, empathisch und liebend sein können?

Wer behauptet, dass sie nicht fähig sind, ihr Leben zu strukturieren und sich selbst hintan zu stellen, wenn es einem anderen schlecht geht?

Wer behauptet, psychisch kranke Menschen seien generell unfähig, sich um ihre Kinder, Eltern, Nachbarn oder Freunde zu kümmern? Womöglich kennen Menschen, die so etwas behaupten, nicht Betroffene und Angehörige wie Sabine und Uli.

Ich empfehle ihnen daher wärmstens ein Gespräch mit den beiden oder mit all den Menschen, die kranke Angehörige haben, ob psychisch oder physisch krank.

Die Dinge sind nicht nur schwarz oder weiß. Die Dinge können sich ändern – jederzeit. Und jeden kann eine Krankheit treffen. Dann sollten wir da sein füreinander – so wie Sabine für Uli und wie Uli für Sabine.

 

PS: Ich bin stolz auf dich, Sabine. Auf euch beide. Ihr seid wahre Mutmacher.

 

Text: Tina Meffert

Bild: privat