Depression: Warum fallen wir, Sir? Damit wir lernen wieder aufzustehen. (Batman)

Betroffene: Stephie Bertram
Jahrgang: 1987
Diagnose: mittelgradige bis schwere Depression
Therapie: 5 Wochen stationärer Aufenthalt in psychosomatischer Klinik
Ressourcen: lesen, malen, fotografieren

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?

Ich selbst habe es lange Zeit nicht bemerkt. Mein Mann und ich saßen eines Abends am Tisch und ich hatte mal wieder schlechte Laune und war am weinen und er meinte dann, ob ich vielleicht ein Burn Out habe, da er die Symptome von einem guten Freund kannte. Ich habe dann mal bewusst alle Symptome aufgeschrieben und die Liste war lang. Dann habe ich zuerst meinen Hausarzt aufgesucht und um Hilfe gebeten. Das war September 2022. Er sagte mir bereits, dass ich am Limit sei.
Anschließend habe ich dann durch meine Schwiegermutter relativ schnell einen Psychiater gefunden zum Glück. Habe mich dann lange gesträubt eine Reha zu machen und Antidepressiva zu nehmen, aber irgendwann kam dann Tag X und es ging nichts mehr.
Heute, 4 Jahre später bin ich relativ gut eingestellt und ich habe mein Leben wieder einigermaßen im Griff und ich kann arbeiten. Ein Bunrout wurde übrigens nicht festgestellt, sondern Depression. Aber für mich machte das keinen Unterschied. Ich wusste nur, irgendwas stimmt nicht mit mir.
Bis Tag X kam, war ich auch noch Vollzeit arbeiten. Wie ich das gemacht habe, keine Ahnung. Ich habe einfach funktioniert.
Das schlimmste war für mich, dass ich unsere Kinder nicht mehr erziehen konnte. Ich war nur noch genervt. Habe viel geschrien ( niemals aber geschlagen!!!!) und wollte einfach nur weg laufen. Alles war mir zu viel. Ich war nicht mehr ich selbst. Konnte keine Socken sortieren und beim einkaufen hat mein Kopf den Einkaufszettel nicht sortiert bekommen, wo ich was finde. Ich hatte Schnappatmung und musste aus dem Laden raus.
Autofahren ging zeitweise auch nicht mehr. Maximal kurze Strecken.
Und woran ich lange zu knabbern hatte: Depression mit 35? Das kriegen doch nur Leute, die ihr Leben lang viel gearbeitet haben und durchgemacht haben.
Dachte ich bis dato zumindest. Doch das war wohl ein Trugschluss…
Ich war das erste mal finanziell abhängig von jemandem. Zum Glück verdient mein Mann so viel, dass er meinen „Verdienstausfall“ abfangen kann.
Heute bin ich fein damit und es war definitv die richtige Entscheidung nur Teilzeit arbeiten zu gehen.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich finde es ganz wichtig, psychische Krankheiten zu entstigmatisieren. Leider ist es in der Gesellschaft immer noch nicht angekommen, das auch psychische Erkrankungen ernst zunehmen sind, auch wenn man sie nicht sieht.

Ich habe und hatte zum Glück den Rückhalt meiner Familie, den nicht jeder hat. Ich möchte einfach zeigen, dass diejenigen, die sich alleine fühlen, nicht alleine sind. Anderen Mut machen, sich Hilfe zu suchen. Es gibt immer einen Weg, auch wenn man diesen vielleicht nicht auf Anhieb erkennt. Ich war damals u.a. nicht in der Lage unsere beiden Kinder zu erziehen und hatte panische Angst davor, eingewiesen zu werden.
Dies ist zum Glück nicht passiert.
Aber ich war damals auch soweit und wusste nicht wie und ob ich das alles schaffe und heute nach fast 4 Jahren kann ich sagen: Hilfe suchen, auch wenn es schwer fällt.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?

Mein Umfeld hat wahrscheinlich schon vor mir gemerkt dass etwas nicht stimmt, da ich einige selbst Betroffene von Depression im Umfeld habe. Von daher hatte ich viel Unterstützung, viele Gespräche, sodass ich z.B. keine Gruppentherapie o.ä. mache (außer in der Reha).
Von der Gesellschaft würde ich mir wünschen, Betroffene ernst zunehmen, da es eben nicht nur Traurigkeit ist und man einen schlechten Tag hat.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Viele Gespräche mit meiner Familie, wobei ich mich am Anfang schwer getan habe, dass ich z.B. nicht mehr Vollzeit arbeiten kann, da mein Gehirn nach 5 Stunden einfach dicht macht. Das fühlt sich so an, als hätte ich einen Knoten im Kopf. Daraus folgte dann natürlich auch weniger Gehalt und mehr Abhängigkeit von meinem Mann sowie meinem Umfeld. Ich wurde zur Selbstständigkeit erzogen und selbst die einfachsten Dinge wie einkaufen gehen, konnte ich Zeitweise nicht und musste mein Mann übernehmen. Für einen Außenstehenden vermutlich nicht naschvollziehbar. Dann geht halt der Mann mal einkaufen. So what. Aber für mich war das ein ganz schlimmes Gefühl. Irgendwie auch hilflos. Auch Autofahren und Wäsche machen ging nicht mehr.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Mit meiner Schwiegermutter sprechen. Sie versteht mich in allem und ist mir eine große Stütze.
Meditation

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Es ist keine Schande sich Hilfe zu suchen und sei es, erst mal mit einem Freund darüber zu sprechen. Gute Freunde stehen zu dir, besonders und vor allem in schlechten Zeiten.
Das macht eine gute Freundschaft aus.
Hilfe suchen ist keine Schwäche, sondern Stärke und der erste Schritt in Richtung Hoffnung und Verbesserung der Lebensqualität.

Offener Umgang mit der Krankheit. Ich war von Anfang an ehrlich mit meiner Familie und vorallem meinem Arbeitgeber. Und ich war verblüfft dass er so positiv reagiert hat, da auch ein Mitglied seiner Familie einst Depression hatte, von dem es nicht erwartet hätte. Die Person steht mitten im Leben, selbstbewusst und trägt ihr Herz auch der Zunge.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Dran bleiben. Ich habe mich durch die Depression leider irgendwann so gut wie gar nicht mehr bei meinen Freunden gemeldet, obwohl sie immer wieder versucht haben, sich mit mir zu treffen etc. Dies ist mir aber erst hinterher bewusst geworden, als ich wieder einigermaßen klar denken konnte.
Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie nicht aufgegeben haben und mich niemals verurteilt oder verachtet haben dafür.

In der Reha hat mir eine meiner ältesten Freundinnen eine Nachricht geschrieben, die mich sehr berührt hatte: „Jetzt sind wir über 30 Jahre befreundet und ich habe nicht gemerkt, dass du Depression hast und es dir schlecht geht.“ Wie sollte sie es auch merken, wenn ich es selbst lange nicht gemerkt hatte.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Empathievermögen

Freundlichkeit

 

Stephie ist auf lnsta: chaos_im_kopf_kunterbunt und Facebook: Stephie Bertram