Mutmachleute Kristine

Angststörung, Depressionen, Magersucht und Borderline: Ich habe jeden Tag die Wahl!

Betroffene: Kristine

Jahrgang: 1987

Diagnosen: Generalisierte Angststörung, Depression, Magersucht, Borderline

Therapien: Verhaltenseinzeltherapie, analytische Gruppentherapie, verschiedene Kliniken

Ressourcen: Malen, Schreiben, Basteln, Fotos, Backen, Yoga

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?


Die Diagnose schwere Depression wurde vor ca. 3,5 Jahren gestellt. Vom einen auf den anderen Tag war ich nicht mehr in der Lage aufzustehen. Schwach, müde, kraftlos. Zur Arbeit zu gehen? Unmöglich. Die atypische Magersucht wurde Anfang 2018 so schlimm, dass sie nun auch diagnostiziert und auch endlich behandelt wurde. Und die Borderline-Diagnose ist ganz „frisch“ dieses Jahr hinzugekommen.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich habe mich lange kaum getraut mit jemandem darüber zu reden. Ich wusste zu wenig, kannte niemanden, die oder der damit schon einmal zu tun hatte, hatte Angst und schämte mich. Mit der Zeit wurde ich offener. Dann habe ich bei einer Veranstaltung darüber geredet und es kamen viele positive Rückmeldungen. Seit Anfang des Jahres betreibe ich nun einen Blog, um meinem Umfeld das Thema bewusster zu machen. Es ist wichtig, dass psychische Erkrankungen einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft erhalten. Dass es nicht „schlecht“ ist, wenn ich in Therapie bin oder war, sondern dass dies auch ein gutes Zeichen sein kann. Dass meine Erkrankungen als “normale” Krankheiten akzeptiert werden.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?

 

Mein Umfeld hat überwiegend offen, aber auch teilweise mit Hilflosigkeit und Unverständnis reagiert. Ich würde mir wünschen, dass es in der Gesellschaft schnellere Hilfsangebote gibt ohne lange Wartezeiten. Dass psychische Erkrankungen ernst genommen werden. Dass die positiven Eigenschaften von psychisch Erkrankten wahrgenommen und gefördert werden. Dass es mehr Aufklärung gibt, auch in Schulen.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Ich bin immer noch dabei, die Erkrankungen zu 100% zu akzeptieren. An manchen Tagen gelingt es mir, an anderen nicht. Mir hilft, dass ich meine Stärken mittlerweile sehen kann, die ich aufgrund der Erkrankung habe. Ich realisiere, dass ich das Glück habe, mein Leben in eine neue, besser zu mir passende Richtung lenken zu können. Mir hilft, dass ich die Erkrankungen als Wegweiser meines Körpers betrachte.


Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Ich schreibe Texte und Gedichte für meinen Blog, schreibe Tagebuch, gehe spazieren, springe Trampolin, backe, mache Yoga, löse Rechenaufgaben, höre Hörbücher, bearbeite oder schieße Fotos.


Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Auch wenn es noch so schwer ist: Gebt nicht auf! Geht immer weiter, langsam, in eurem Tempo, immer einen Schritt vor den anderen setzen. Einen Schritt zur Zeit. Dann sieht der Weg nicht mehr so weit und steil aus. Und holt euch Hilfe, wenn ihr das braucht. Um Hilfe zu bitten ist keine Schwäche, sondern eine STÄRKE!

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Behandelt mich nicht wie ein rohes Ei, um das man herum schleichen muss, sondern wie eine ebenbürtige Gesprächspartnerin, mit der man alles bereden kann. Wenn es mir zu viel ist, ist es meine Verantwortung das Gespräch zu stoppen. Setzt eure Grenzen, sagt, wenn es euch zu viel wird, nehmt euch Zeit für euch und geht euren eigenen Hobbys nach.

Mir ist nicht geholfen, wenn es euch am Ende auch schlecht geht.

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich bin kreativ, gerne in der Natur in der Ruhe, liebe veganes Backen und Yoga und möchte gerne anderen Menschen so viel helfen, wie möglich. Und ich schreibe und veröffentliche ich Gedichte, Texte und Fotos auf meinem Blog Nebelwege.

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