Komplexe Traumafolgestörung: Das Leben im Zerbruch, oder: Für den Garten reicht es.
Liebe Melanie, vor einiger Zeit hast du als Mutmacherin einen Beitrag geschrieben. Wir möchten wissen, wie es dir inzwischen geht.
Betroffene: Melanie
Wie geht es dir heute?
Mir geht es heute soweit gut. Nach vielen Aufs und Abs, vielen Zerbrüchen und dem wieder Zusammenkleben habe ich gelernt, im Heute gut mit meiner Erkrankung und den daraus entstandenen Einschränkungen zu leben. Es ist nicht alles gut, aber es ist auch nicht mehr alles schlecht in meinem Leben. Tatsächlich habe ich es geschafft, mir ein Leben aufzubauen, das mich trägt und nicht mehr ständig zerbricht.
Ich nenne hier gerne das Beispiel Kintsugi: Dabei werden zerbrochene Gefäße wieder zusammengefügt und die Bruchstellen mit Gold veredelt. Die Zerbrüche bleiben sichtbar, werden dadurch aber auf eine andere Art sichtbar gemacht und bekommen eine neue Bedeutung.
Ich habe es erneut geschafft, mich beruflich neu zu orientieren und weiterzuentwickeln unabhängig vom Sozialsystem. Auf eigenen Beinen zu stehen, mir etwas Eigenes zu finanzieren und ein Leben außerhalb des Systems aufzubauen, war vor vielen Jahren noch unvorstellbar. Es hat fast 20 Jahre gedauert …
Hast du Feedback auf deinen Beitrag bei #Mutmachleute bekommen? Worüber hast du dich am meisten gefreut?
Nein, ich habe damals keine Reaktionen darauf bekommen.
Was mich aber am meisten gefreut hat, war, dass ich damals den Mut aufgebracht habe, mich zu zeigen. Für mich, die sich lange Zeit verstecken musste, war das ein großer Schritt.
Was hat sich für dich zum Positiven geändert, seit du offener mit deiner Erkrankung umgehst?
Ich habe gelernt, mit beiden Seiten umzugehen. Es gab Situationen, in denen sich meine Offenheit auch negativ ausgewirkt hat. Gleichzeitig musste ich lernen, wie wenig Wissen tatsächlich über psychische Erkrankungen vorhanden ist. In diesem Bereich war ich manchmal auch etwas naiv. Viele Menschen haben ihre eigenen Vorstellungen davon, gerade bei einer komplexen Traumafolgestörung herrscht jedoch noch großes Unwissen. Dieses wird durch soziale Medien teilweise noch verstärkt. Die wenigsten Menschen wissen tatsächlich, was hinter dieser Erkrankung und ihren Symptomen steckt.
Dadurch habe ich auch einige Beziehungen verloren und musste selbst erst lernen, neu zu kommunizieren. Heute übernehme ich mehr Verantwortung für mich selbst. Ich benenne meine Erkrankung kaum noch, sondern lerne stattdessen mehr darüber zu sprechen, was ich brauche und wo meine Grenzen liegen. Dabei hat mir das Programm „In Würde zu sich stehen“ sehr geholfen, genauso wie Initiativen von und für andere Betroffene. Irgendwann konnte ich diese Unterstützung zulassen und war dadurch weniger allein. Heute arbeite ich selbst mit diesem Programm, vor allem mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Was wünschst du dir für deine persönliche Zukunft?
Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mein Leben weiterhin so stabil zu halten, wie es heute ist, und diese Stabilität weiter zu festigen. Ich habe immer noch Symptome, aber sie sind nicht mehr so heftig wie früher und klingen schneller wieder ab. Dafür bin ich sehr dankbar.
Ich habe es geschafft, eine berufliche und auch private Melanie aufzubauen. Zwar mit Einschränkungen, aber dennoch etwas, das ich mir früher niemals hätte vorstellen können.
Dieses Leben zu behalten, weiter zu stärken und darauf aufzubauen, ist mein persönlicher Wunsch für die Zukunft.


