Warum ich diese Songs schreibe
Ein persönlicher Gastbeitrag von Sven Frei
Seit ungefähr 15 Jahren begleiten mich immer wieder depressive Episoden. Die fachärztliche Diagnose kam später. Aber rückblickend weiß ich, dass vieles von dem, was ich heute als Teil meiner Erkrankung kenne, schon deutlich früher da war.
Ich spreche darüber offen. Nicht, weil ich Mitleid möchte, und auch nicht, weil ich glaube, eine besondere Antwort auf Depressionen gefunden zu haben. Ich spreche darüber, weil ich selbst weiß, wie es ist, im eigenen Kopf gefangen zu sein.
Depression hat für mich viel damit zu tun, Dinge zu fühlen und zu denken, von denen ein Teil von mir durchaus weiß, dass sie nicht der Realität entsprechen – und trotzdem nicht dagegen anzukommen. Vielleicht kennt jemand, der das hört oder liest, genau diesen Widerspruch: zu wissen, dass die eigene Wahrnehmung gerade von der Depression bestimmt wird – und sie trotzdem nicht einfach abschütteln zu können.
Von außen lässt sich das manchmal nur schwer nachvollziehen. Und selbst gut gemeinte Worte erreichen einen Menschen in solchen Momenten nicht immer.
Musik hatte für mich dabei schon lange eine besondere Bedeutung – lange bevor ich selbst angefangen habe, Songs zu schreiben.
Eine Schlüsselrolle spielte für mich Depeche Mode. In ihrer Musik, ihrer Melancholie, ihrer Dunkelheit und gleichzeitig dieser eigenartigen Schönheit habe ich vieles wiedergefunden, das ich selbst empfunden habe. Diese Musik konnte mir Halt geben, ohne mir erklären zu müssen, wie ich mich fühlen sollte. Manchmal genügte das Wissen, dass jemand offenbar Gefühle kannte, die meinen ähnlich waren.
Irgendwann entstand daraus ein Gedanke: Was wäre, wenn ich selbst versuchen würde, Musik zu machen?
Ich bin kein Profimusiker und habe nie den Anspruch gehabt, einer zu sein. Aber irgendwann habe ich entdeckt, dass ich eine Fähigkeit besitze, die für mich viel wichtiger ist: Gedanken, Gefühle und Erfahrungen in Worte und Melodien übersetzen zu können.
Und dass mir genau das hilft, Dinge auszudrücken, für die mir im normalen Gespräch manchmal die Sprache fehlt.
Vielleicht steckt darin auch etwas von dem, was die Musik von Depeche Mode für mich getan hat: der Wunsch, etwas weiterzugeben. Nicht dieselbe Musik und nicht dieselben Geschichten – sondern dieses Gefühl, sich in etwas wiedererkennen zu können.
Diese Entwicklung lässt sich auch in meiner eigenen Musik wiederfinden.
Auf unserem ersten Album Offroad war mein Blick noch stärker nach außen gerichtet. Viele Songs waren gesellschaftskritisch, auch wenn meine eigenen Erfahrungen und Gefühle schon damals ihren Weg hineinfanden.
Mit Time Catcher änderte sich etwas. Der Blick ging stärker nach innen. Verlust, Selbstzweifel, psychische Gesundheit, Hoffnung und die Suche nach einem Weg zurück zu sich selbst wurden immer wichtiger.
Vielleicht am unmittelbarsten zeigt sich das in Redeem Me (finally). Die ursprüngliche Fassung entstand während einer Rehamaßnahme. Dieser Song beschreibt nicht irgendeine Vorstellung davon, wie sich Depression anfühlen könnte. Vieles darin stammt unmittelbar aus meinem eigenen Erleben.
Ich habe damals keinen Song geschrieben, um anderen zu erklären, was eine Depression ist. Ich habe versucht, etwas auszudrücken, das ich anders kaum ausdrücken konnte.
Und nun, Jahre später, hat mich The End of Night wieder an diesen Punkt geführt. Der Song selbst ist nicht einfach ein Lied über Depression, und ich möchte ihn nachträglich auch nicht dazu erklären. Aber die erneute Beschäftigung damit – mit den Worten, den Melodien und schließlich den Bildern für den Film – hat etwas wieder freigelegt.
Ich habe gemerkt, wie tief mich diese Musik noch immer berührt. Und wie wichtig es mir eigentlich ist, darüber zu sprechen, warum ich solche Songs schreibe.
Nicht jeder Mensch kann oder möchte offen über seine psychische Erkrankung sprechen. Manche möchten vielleicht überhaupt niemandem davon erzählen.
Einen Song kann man dagegen ganz allein hören.
Niemand muss wissen, warum gerade diese eine Zeile etwas auslöst. Niemand muss sich erklären.
Ich glaube nicht, dass Musik eine Therapie ersetzen kann. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie begleiten kann.
Und vielleicht kann sie manchmal etwas sehr Einfaches bewirken: einem Menschen, der gerade allein in seinem eigenen Kopf gefangen ist, für ein paar Minuten das Gefühl geben, dass dort noch jemand ist, der diesen Ort kennt.
Ich weiß, dass ich nicht einfach geheilt bin. Ich weiß auch, dass diese Krankheit ein Teil meines Lebens ist und dass es wieder Zeiten geben kann, in denen sie stärker wird.
Aber während ich mich in den vergangenen Wochen so intensiv mit meiner eigenen Musik, mit alten Worten, Melodien und Gefühlen beschäftigt habe, ist mir etwas wieder sehr bewusst geworden:
Wie oft Musik mich durch meine schwierigsten Momente getragen hat.
Manchmal war es die Musik anderer Menschen. Songs, in denen ich etwas von mir selbst wiedergefunden habe, als ich meine eigenen Gefühle kaum verstehen oder aussprechen konnte.
Und irgendwann war es auch meine eigene Musik. Das Schreiben, das Singen und der Versuch, etwas scheinbar Unaussprechliches in Worte und Melodien zu verwandeln.
Vielleicht ist „gerettet“ ein großes Wort.
Aber für mich fühlt es sich manchmal genau so an.
Dafür bin ich dankbar.
Und vielleicht kann irgendwann einer meiner Songs für einen anderen Menschen etwas Ähnliches sein. Vielleicht hört ihn jemand allein, in einem Moment, in dem niemand sonst zu ihm durchdringt, und erkennt darin etwas von sich selbst.
Mehr kann ich von meiner Musik eigentlich nicht verlangen.
Ich weiß nicht, welche schwierigen Zeiten noch vor mir liegen. Aber ich weiß heute wieder sehr genau, was mir die Musik in den vergangenen Jahren gegeben hat.
Und deshalb werde ich weitermachen.
Foto: Jens Halgasch


