Depressionen: Keep on fighting!
Name: Sven
Jahrgang: 1974
Diagnose: Wiederkehrende depressive Episoden (seit 2015)
Therapien: Tagesklinik, stationäre Behandlungen, Rehabilitation, Verhaltenstherapie und psychiatrische Betreuung
Ressourcen: Musik, Songwriting und Astrofotografie
Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?
Nach der Geburt meiner Tochter 2012 hatte ich zunehmend das Gefühl, mich selbst zu verlieren. Ich wollte für meine Familie da sein und gleichzeitig meinen Ansprüchen im Beruf gerecht werden. Zurück blieben Erschöpfung und Schuldgefühle.
2015 ging ich wegen eines vermuteten Burnouts zum Psychiater. Nach Gesprächen über meine Lebensgeschichte, auch über die Depression meiner Mutter, diagnostizierte er eine depressive Episode. Endlich hatte das, was mit mir geschah, einen Namen. Ich müsse lernen, damit zu leben, hieß es. Damals ein schwacher Trost. Heute verstehe ich es.
Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?
Weil man uns eine Depression oft nicht ansieht. Wir können lachen, arbeiten und nach außen glücklich wirken, während es in uns ganz anders aussieht. Ich suche kein Mitleid. Vielleicht erkennt sich jemand in meiner Geschichte wieder – oder ein Angehöriger versteht danach etwas mehr.
Wie hat dein Umfeld reagiert, und welchen Umgang würdest du dir wünschen?
Wer nie eine Depression erlebt hat, kann vieles kaum nachvollziehen. Das verstehe ich. Trotzdem wünsche ich mir manchmal mehr Bereitschaft, zuzuhören. Ich brauche keine fertigen Lösungen. Manchmal brauche ich Nähe, manchmal Ruhe – aber immer das Wissen, dass jemand da ist.
Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?
Klinikaufenthalte und Therapien haben mir geholfen, meine Erkrankung und ihre Warnsignale zu erkennen. Als ich später wieder Suizidgedanken entwickelte, merkte ich: Ich kann mir selbst gerade nicht mehr vertrauen. Deshalb ging ich aus eigenem Entschluss zurück in die Klinik.
Auch heute gibt es Tage, an denen ich denke, ich sei nur eine Belastung. Aber ich weiß inzwischen: Meine Depression lässt Gedanken wie Wahrheiten erscheinen, die keine sein müssen. Die Gefühle sind real. Ihre Botschaft ist es nicht unbedingt.
Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?
Musik begleitet mich seit meinem zwölften Lebensjahr. Besonders Depeche Mode und die Texte von Martin Gore haben mich geprägt. Wenn ich selbst keine Kraft zum Songwriting habe, trägt mich die Musik anderer. In besseren Phasen kann ich meine Gefühle in eigene Songs übersetzen.
Und dann ist da die Astrofotografie. Manchmal kostet es mich große Überwindung, nachts meine Ausrüstung einzupacken und hinauszufahren. Doch wenn das Teleskop steht und meine Kamera den Himmel beobachtet, wird plötzlich nichts mehr von mir verlangt. Ich muss nichts leisten, niemandem etwas beweisen. Ich darf einfach sein.
Unter den Sternen fühle ich mich manchmal wie in einem riesigen Raum voller Menschen, die schweigend sagen: Wir verstehen dich. Du darfst hier sein, wie du bist. Während ich warte, tauchen auf den Aufnahmen langsam Galaxien und Nebel auf, die meine Augen allein niemals sehen könnten. Das schenkt mir eine tiefe Ruhe.
Meine Kamera macht sichtbar, was dem Auge verborgen bleibt. Mit meiner Musik versuche ich hörbar zu machen, was niemand in meinem Inneren sehen kann.
Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?
Eine meiner schlimmsten Erfahrungen war, keine Liebe mehr fühlen zu können: weder die meiner Familie noch meine eigene Liebe zu Frau und Kindern. Mein Verstand wusste, dass sie da war. Aber ich konnte sie nicht spüren. Das brachte mich fast zur Verzweiflung.
Deshalb: Vertraut auch dem, was ihr wisst, wenn eure Gefühle euch etwas anderes erzählen.
Dass du etwas nicht fühlen kannst, bedeutet nicht, dass es nicht existiert.
Nehmt Hilfe an. Ihr müsst diesen Weg nicht allein gehen.
Keep on fighting.
Was möchtest du Angehörigen mit auf den Weg geben?
Meine Tochter musste eine meiner schwersten Phasen miterleben. Obwohl ich wusste, dass ich keine Schuld an meiner Erkrankung trug, habe ich mich dafür verurteilt. Die Klinik vermittelte uns eine Kinderpsychologin und den Austausch mit anderen betroffenen Kindern. Das half. Auch Angehörige brauchen Unterstützung.
Vor allem aber: Passt auf uns auf.
Eine Depression ist nicht vorbei, nur weil jemand wieder lacht. Niemand kann immer erkennen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Bleibt im Gespräch, nehmt Warnsignale ernst und zeigt uns, dass wir gebraucht und geliebt werden.
Manchmal können wir genau das selbst nicht mehr fühlen.
Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?
Meine Empathie. Ich glaube, ich war schon früh sensibel für die Gefühle anderer. Die Depression hat das vielleicht verstärkt. Ich versuche, Menschen nicht vorschnell zu beurteilen.
Jeder trägt eine Geschichte in sich, die andere nicht sehen.
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