Depressionen: Eine Depression ist eine Erkrankung, kein Charakterfehler, keine Schwäche und kein Grund für Vorurteile.
Betroffene: Sabrina Maternus
Jahrgang: 1991
Diagnose: Depression
Therapien: Ambulante Psychotherapie, tagesklinische Behandlung, medikamentöse Therapie
Ressourcen: Handball, Lesen, meine Tiere, persönliche Beziehungen und die Beschäftigung mit Themen, die mir wichtig sind
Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?
Wenn ich heute zurückblicke, haben sich die ersten Schwierigkeiten vermutlich schon während meiner Schulzeit gezeigt. Ich war immer ein sehr ruhiges, eher zurückhaltendes Kind, wobei ich gar nicht sagen kann, ob das damals schon mit der Depression zusammenhing. Deutlich spürbar wurde sie jedenfalls in meiner Jugend, ungefähr mit 16 Jahren. Die Schule fiel mir zunehmend schwer und auch danach hatte ich lange Schwierigkeiten, meinen eigenen Weg zu finden. Ich habe unterschiedliche Ausbildungen und Studiengänge begonnen, vieles ausprobiert und manches wieder abgebrochen.
Beruflich habe ich schließlich viele Jahre in der Pflege gearbeitet, bis ich während der Coronazeit an einen Punkt kam, an dem die Erschöpfung einfach zu groß wurde. Neben der Depression spielte damals auch ein Burnout eine Rolle.
Im Laufe der Jahre habe ich verschiedene therapeutische Ansätze kennengelernt und war über längere Zeit in ambulanter Psychotherapie. In diesem Jahr habe ich mich schließlich auf eine tagesklinische Behandlung eingelassen, der ich anfangs durchaus skeptisch gegenüberstand. Umso überraschender war für mich, wie viel ich aus dieser Zeit mitnehmen konnte.
Besonders die Arbeit mit meiner Therapeutin und das bessere Verständnis meiner eigenen Erkrankung haben mich nachhaltig beschäftigt. Ergänzend nehme ich heute auch ein Medikament.
Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?
Weil ich mir wünsche, dass psychische Erkrankungen irgendwann genauso selbstverständlich angesprochen werden können wie körperliche. Obwohl Depressionen viele Menschen betreffen, erlebe ich immer wieder, wie wenig tatsächlich darüber bekannt ist und wie schnell Betroffene auf ihre Diagnose reduziert werden.
Durch meine berufliche Tätigkeit als Dozentin im Pflege- und Betreuungsbereich beschäftige ich mich ohnehin viel mit gesundheitlichen und psychosozialen Themen. Inzwischen studiere ich außerdem Public Health und möchte mich langfristig stärker mit psychischer Gesundheit, Aufklärung und psychiatrischer Versorgung befassen. Meine eigenen Erfahrungen haben sicherlich dazu beigetragen, dass mir diese Themen besonders am Herzen liegen.
Ich möchte meine Erkrankung deshalb nicht verstecken, sondern auch etwas aus meinen Erfahrungen machen. Vielleicht kann ich damit dazu beitragen, dass andere Menschen sich besser verstanden fühlen oder sich eher trauen, über ihre eigene Situation zu sprechen.
Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?
Das ist eine Frage, die mich bis heute beschäftigt. Psychische Erkrankungen sind in meiner Familie durchaus bekannt, trotzdem fällt es gerade dort nicht immer leicht, Verständnis für meine Depression zu finden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Erkrankung stärker wahrgenommen wird als das, was ich eigentlich gerade empfinde.
Wenn ich beispielsweise traurig bin, wird das schnell als Zeichen meiner Depression verstanden. Dabei kann ich auch einfach traurig sein, ohne dass gleich meine Erkrankung dahinterstecken muss. Diese Unterscheidung erscheint mir selbstverständlich, ist es im Alltag aber offenbar nicht immer.
Ich wünsche mir deshalb einen Umgang, bei dem Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht ständig durch die Brille ihrer Diagnose betrachtet werden. Es geht mir dabei gar nicht darum, dass mein Umfeld immer alles richtig machen muss. Viel wichtiger finde ich die Bereitschaft, zuzuhören, nachzufragen und sich mit der Erkrankung auseinanderzusetzen.
Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?
Ich glaube, ein wichtiger Schritt war für mich, meine Depression nicht mehr ausschließlich als etwas zu betrachten, gegen das ich ständig ankämpfen muss. Gerade die tagesklinische Behandlung hat mir noch einmal einen anderen Zugang zu meiner Erkrankung ermöglicht.
Besonders wertvoll fand ich die Psychoedukation, also die intensive Auseinandersetzung damit, wie eine Depression entsteht, welche Faktoren sie beeinflussen und wie man selbst besser mit ihr umgehen kann. Vieles, was ich vorher vielleicht nur schwer einordnen konnte, wurde dadurch verständlicher.
Akzeptanz bedeutet für mich allerdings nicht, dass ich mich mit allem abfinde. Vielmehr geht es darum, meine Erkrankung ernst zu nehmen, ohne mich ausschließlich über sie zu definieren. Das ist vermutlich auch kein Prozess, der irgendwann vollständig abgeschlossen ist.
Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?
Eine wichtige Rolle spielt für mich der Sport, insbesondere Handball. Die Bewegung und das gemeinsame Erleben helfen mir, Abstand vom Alltag zu gewinnen und den Kopf wieder etwas freizubekommen. Daneben lese ich gerne, verbringe Zeit mit meinen Tieren und beschäftige mich mit Themen, die mich interessieren.
Ich merke außerdem, wie wichtig es für mich ist, das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun. Gleichzeitig lerne ich immer noch, dass nicht jeder Tag produktiv sein muss und dass es durchaus in Ordnung ist, die eigenen Grenzen anzuerkennen.
Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?
Vielleicht vor allem, dass man sich nicht ständig daran messen sollte, wie geradlinig das eigene Leben verläuft. Ich habe selbst lange nach meinem Weg gesucht, Entscheidungen hinterfragt und manches wieder verworfen. Heute sehe ich diese Umwege etwas anders, auch wenn das nicht bedeutet, dass sie immer leicht waren.
Außerdem würde ich jedem empfehlen, sich Unterstützung zu suchen und offen für unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten zu bleiben. Ich selbst war vor meiner tagesklinischen Behandlung skeptisch und hätte nicht erwartet, dass ich so viel daraus mitnehmen würde.
Eine Depression kann das Leben erheblich beeinflussen, aber sie nimmt einem nicht die Möglichkeit, Interessen zu entwickeln, neue Wege einzuschlagen oder Zukunftspläne zu haben.
Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?
Ich würde mir wünschen, dass Angehörige sich stärker mit psychischen Erkrankungen beschäftigen und dabei nicht vergessen, dass hinter jeder Diagnose ein Mensch mit ganz unterschiedlichen Gefühlen und Bedürfnissen steht.
Gerade aus meiner eigenen familiären Situation weiß ich, wie schwierig es werden kann, wenn Verständnis fehlt oder Verhaltensweisen vorschnell der Erkrankung zugeschrieben werden. Nicht jede traurige Stimmung ist Ausdruck einer Depression und nicht jeder Wunsch nach Rückzug bedeutet, dass es einem wieder schlechter geht.
Deshalb liegt mir die Angehörigenarbeit besonders am Herzen.
Ich glaube, dass wir durch mehr Aufklärung viele Unsicherheiten und Missverständnisse abbauen könnten. Gleichzeitig sollten auch die Belastungen und Bedürfnisse der Angehörigen ernst genommen werden. Es geht schließlich nicht darum, dass eine Seite alles richtig machen muss, sondern darum, miteinander ins Gespräch zu kommen und einen guten Umgang zu finden.
Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?
Ich würde mich als einen eher nachdenklichen, neugierigen Menschen beschreiben, der sich gerne intensiv mit Dingen auseinandersetzt. Wenn mich ein Thema interessiert, möchte ich Zusammenhänge verstehen, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und möglichst viel darüber erfahren.
Dabei ist mir wichtig, dass das, was ich tue, auch einen Sinn hat. Vielleicht erklärt das auch, warum ich mich beruflich und inzwischen im Studium so stark mit gesundheitlichen und gesellschaftlichen Fragen beschäftige.
Was ich an mir schätze, ist vermutlich meine Bereitschaft, immer wieder neue Wege einzuschlagen. Nicht jede Entscheidung war richtig und nicht jeder Versuch erfolgreich. Aber ich habe mir die Neugier bewahrt und möchte auch weiterhin dazulernen, mich entwickeln und nach Möglichkeit etwas für andere Menschen bewirken.
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