Julia vor ländlicher Umgebung. Sie steht auf einer Straße.

Borderline & Depressionen: Es kommt niemand und rettet dich. Das musst du selbst tun.

Betroffene: Julia
Jahrgang: 1988
Diagnose: Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, Depression, Angst-/Panikstörung, Emetophobie
 (Angst vor Erbrechen)
Therapie: Kognitive Verhaltenstherapie, Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT), EMDR (Therapieform für psychische Traumata), Ergotherapie, Hypnose, stationäre Klinikaufenthalte
Ressourcen: Singen, Musik hören, spazieren gehen, Schreiben

 

Wie und wann hast du von deiner Störung erfahren?

Mir war schon früh bewusst, dass ich irgendwie „anders“ bin. Ich hatte bereits als Kind viele Ängste, war unsicher und hatte das Gefühl, „nicht richtig“ und „unerwünscht“ zu sein.
2006 landete ich unfreiwillig auf einer geschlossenen, psychiatrischen Station, was für mich ein großer Schock war. Zum Glück musste ich nicht lange dort bleiben. Aufgrund meines selbstverletzenden Verhaltens wurde ich allerdings als selbstmordgefährdet eingestuft. Im Anschluss empfahl man mir eine ambulante Therapie – leider hat diese nicht besonders gut geholfen und mir ging es immer schlechter. Ich entschied mich daher 2007 freiwillig in eine psychiatrische Klinik zu gehen, allerdings auf eine offene Station. Dort erhielt ich dann meine Diagnosen.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich möchte mich nicht für eine Krankheit schämen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Außerdem bin ich mehr als meine Krankheit und möchte nicht auf Diagnosen reduziert werden. Häufig haben Betroffene mit Vorurteilen und gesellschaftlichen Nachteilen zu kämpfen. Damit psychische Erkrankungen nicht mehr totgeschwiegen werden, müssen wir darüber reden. Nur so können wir Ängste und Vorbehalte gegenüber psychisch kranken Menschen und psychischen Erkrankungen abbauen.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Manche waren geschockt, andere wollten das Thema einfach meiden. Und es gab auch Reaktionen wie: „Stell dich nicht so an“. Schöner ist es natürlich, wenn Menschen empathischer sind und einen nicht auf die Krankheit reduzieren. Ich möchte nicht wegen meiner Narben angestarrt werden. Dann lieber freundlich nachfragen, wenn es wirklich von Interesse ist. Ich spreche inzwischen offen darüber. Eigentlich möchte ich doch nur so akzeptiert werden, wie ich bin.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Musik und Kontakt zu anderen Betroffenen helfen mir sehr. Aber es war ein langer Weg. Ich fühle mich oft durch meine Erkrankungen eingeschränkt und bin wütend, dass ich deswegen manche Dinge nicht so umsetzen kann, wie ich gerne würde. Ohne therapeutische Hilfe wäre es nicht möglich gewesen, den Ist-Zustand mehr oder weniger zu akzeptieren.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Ich höre Musik und gehe an die frische Luft. Manchmal helfen auch Situps oder andere Übungen, mit denen ich mich körperlich „abreagieren“ und ablenken kann.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Sprecht offen über eure Ängste und Sorgen und auch über eure Krankheit. Holt euch professionelle Hilfe und gebt niemals auf! Es gibt so schöne Momente im Leben, trotz all der Täler, durch die wir gehen müssen. Auch, wenn es jedes Mal ein Kampf ist, wieder neu aufzustehen: Es lohnt sich!

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir
(einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Redet miteinander! Wenn man nicht weiß, was der andere denkt und fühlt, dann interpretiert man – und das geht häufig schief. Nach meiner Erfahrung ist gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz sehr wichtig.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich bin sehr sensibel und nehme vieles sehr intensiv wahr – das hat Vor- und Nachteile. Was ich besonders an mir schätze ist wohl meine Kreativität und die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Außerdem habe ich bis jetzt nicht aufgegeben, was ich wahrscheinlich meinem Durchhaltevermögen zu verdanken habe.

Julia teilt ihre Gedanken Online im Blog “Freudenwege”.

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