Alkoholabhängigkeit: Ich bin nüchtern, sehr nüchtern.

Betroffene: Grit Kern

Jahrgang: 1964

Diagnose: Alkoholabhängigkeit

Therapien: Selbsthilfegruppe

Ressourcen: Interesse am Wissen, Lernfähigkeit, Selbsthilfegruppe, BKE

 

Wie und wann hast du von deiner Erkrankung erfahren?

Andere haben es mir gesagt und irgendwann habe ich ihnen geglaubt.

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Es ist mir nicht peinlich, krank zu sein.

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als es von deiner Krankheit erfahren hat, und welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld (und der Gesellschaft) in Bezug auf deine Erkrankung wünschen?

Gewusst haben es alle, alle sahen, wie ich trank. Sie sagten damals wenig dazu und sie sagen heute nichts darüber. So interessant scheint der Alkoholismus nun auch nicht zu sein. Ich mache ihn daher für mich interessant, indem ich darüber nachdenke und darüber rede.

 

Welche Dinge haben dir am meisten geholfen, die Krankheit zu akzeptieren?

Die Tatsache, dass es unabänderlich ist. Die Freude, die ich trotz Alkoholkrankheit im Leben habe. Das Wissen, dass ich nicht allein bin.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Mein Notfallkoffer, meine Selbsthilfegruppe, Erfahrung und Zuversicht.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Es lohnt sich immer, zu jeder Zeit. Es ist interessant, sich auf den Weg zu machen und es macht Freude, den Weg zu gehen. Es gibt mehr Menschen auf dieser Welt, die ähnlich sind, ähnlich denken oder aus ganz anderen Gründen ähnlich leben wie ich, als ich mir vorstellte. Diese Menschen will ich finden und ich kann sie finden. Ich kann mich irren, aber ich kann mich auch immer wieder neu orientieren.

 

Was möchtest du anderen Angehörigen mit auf den Weg geben? Wie können sie dir (einerseits) und sich selbst (andererseits) am besten helfen?

Kümmert euch um euch und winkt mir freundlich zu.

Ich frage, wenn ich Hilfe brauche und ich sage, wobei ich sie brauche.

 

Was macht deinen Charakter aus und welche Eigenschaft schätzt du an dir am meisten?

Ich bin freundlich, ein wenig konfliktscheu, offen und interessiert. Ich bin phlegmatisch mit cholerischem Einschlag, sehr schnell auf kleineren Palmen und noch schneller wieder runter. Ich schätze meine Prinzipien, erhebe sie aber nur selten zum Dogma (beim Alkoholismus gibt es wenig Verhandlungsspielraum, im Leben dagegen mehr). Ich bin begeisterungsfähig, überlege aber gut, ob sich die Begeisterung lohnt. Ich bin nie ratlos.