Co-Abhängigkeit: Mit vielen kleinen Schritten in die eigene Freiheit.

Betroffene: Kerstin Täubner-Benicke
Jahrgang: 1967
Diagnosen: Co-Abhängigkeit (Alkoholismus)
Ressourcen: Natur und Sport, um den Kopf frei zu kriegen; Familie, um auf dem Teppich zu bleiben; den Glauben, um frei zu sein

 

Warum hast du dich entschieden, nun Gesicht zu zeigen?

Ich zeige Gesicht, weil Alkoholismus so weit verbreitet ist und gesellschaftlich toleriert wird, solange die Suchtkranken und die betroffenen Familienmitglieder und/oder Freunde im Alltag funktionieren. Aber AlkoholikerInnen leiden ebenso unter ihrer Situation wie ihr Umfeld. Dieses trägt manchmal aus Unwissenheit und Liebe dazu bei, dass sich alle immer tiefer in einen Kreislauf aus Scham, Schuld und Schuldgefühl verstricken. Die sogenannte Co-Abhängigkeit macht die umstehenden Personen selbst zu Betroffenen, und es kommt vielfach zu Beeinträchtigungen der körperlichen und psychischen Gesundheit. Die Gefahr, selber eine Suchterkrankung zu erleiden, ist bei Co-Abhängigen deutlich erhöht, genauso wie die Rate an Suiziden.

 

Welchen Umgang würdest du dir von deinem Umfeld in Bezug auf deine Störung wünschen?

Es ist Zeit, dass die Co-Abhängigkeit als Störungsbild nicht länger tabuisiert und verschwiegen oder schön geredet wird. In einer Gesellschaft, in der Leistungsbereitschaft und Selbstkontrolle so viel zählen, ist es so schwer zuzugeben, dass man Hilfe braucht – dies gilt für alle Beteiligten gleichermaßen.

 

Was möchtest du anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Wichtig ist: Der Alkohol- bzw. Suchtkranke muss selbst den ersten Schritt zu einer Therapie machen. Das Umfeld kann dabei unterstützen, ermutigen, wenn möglich begleiten, und auch für sich selbst Hilfe in Anspruch nehmen in Form von Coaching, Therapie etc. Für betroffene Co-Abhängige ist dies eine große Herausforderung und Chance zugleich.

 

Welche Ressourcen nutzt du in Krisensituationen?

Aus dieser schwierigen Zeit habe ich viel gelernt: scheinbar ausweglose Situationen zu meistern, mich und meine eigenen Emotionen zu kontrollieren, lieber einmal mehr abzuwägen, was wirklich wichtig ist. Zu wissen, dass man auch mal was aushalten muss, aber auch hin und wieder standhalten. Was mich stark gemacht hat, war, die Grenzen und Begrenzungen anderer zu akzeptieren, eben auch in Konfliktsituationen.

 

Welche Dinge haben Dir am meisten geholfen, mit der Alkoholsucht des Vaters UND deiner Co-Abhängigkeit umzugehen?

Letztlich geholfen hat mir immer, kleine Schritte zu tun, einen nach dem anderen, darauf zu hören, was ich selber möchte, mir Ziele zu setzen, darunter auch Aufgaben, vor denen ich eigentlich Angst habe. Die Suche nach dem richtigen Weg verbindet uns alle, auch MIT denen, die alkoholkrank sind.

Der Weg in ein Leben ohne Sucht ist möglich. Er ist manchmal steinig, vielleicht läuft man mal einen Umweg, oder man verläuft sich, aber wenn man das Ziel nicht aus den Augen verliert, dann kommt man an.