Heute kann ich zeigen, was in mir steckt. Ich habe den Mut zur Veränderung – und den Mut zu meiner persönlichen Freiheit.

Betroffene: Tina

 

Wie geht es dir heute?

Mir geht es inzwischen richtig, richtig gut. Ich habe einen langen, anstrengenden, komplizierten, unbequemen und manchmal fürchterlichen Weg hinter mir. Zum Glück habe ich gute Therapien machen können. Ich bin nach wie vor in psychotherapeutischer und psychiatrischer Behandlung, aber inzwischen in großen zeitlichen Abständen. Ich habe meinen Weg ins Leben gefunden, trotz der Bipolaren Störung – die sehr, sehr anstrengend sein kann.

Ich kann in der Gegenwart leben, nicht mehr in der Vergangenheit oder mit sorgenvollen Blicken in die Zukunft. Jeder Tag bringt etwas Neues. So viele Menschen, die ich in meinem Umfeld habe, denen ich begegne und noch begegnen werde: Die sind wichtig und tragen maßgeblich dazu bei, dass ich mich wohlfühlen und … da sein kann!

 

Hast du Feedback auf deinen Beitrag bei #Mutmachleute bekommen? Worüber hast du dich am meisten gefreut?

Als ich mich damals „geoutet“ habe (bereits vor dem Launch unseres Projekts) im engeren Kreis, später vor einer breiteren Öffentlichkeit, bekam ich durchgehend positive Reaktionen. Niemand hat sich von mir zurückgezogen, kritisierte meinen Schritt oder distanzierte sich. Ich habe das beinahe unglaubliche Glück, dass in meinem Umfeld so wunderbare Menschen sind, die allesamt sagen, für sie gäbe es nichts Normaleres als Diversität.

Denn das Schöne ist: wir sind alle Individuen, jeder Mensch ist einzigartig, und die Welt ist bunt. Und es ist völlig egal, welche Hautfarbe wir haben, woher wir kommen, wo unsere sexuelle Orientierung liegt oder welcher Religion wir angehören! Und dazu gehört eben auch, dass eine psychische Erkrankung ebenso dazugehört wie eine physische. Niemand darf deswegen stigmatisiert, ausgegrenzt oder gar verfolgt werden.

Und ich bemerke, dass die Akzeptanz dafür größer wird. Deshalb “brenne” ich auch für das Projekt #Mutmachleute – und bin der festen Überzeugung, dass wir noch sehr viel mit unseren MutmacherInnen erreichen werden. Ich freue mich jeden Tag, wieviele Menschen hier Gesicht zeigen und zu sich stehen, und dass wir darüber hinaus so vielen Menschen zeigen können, dass man sich nicht schämen muss, wenn man (zeitweise) von einer psychischen Erkrankungen betroffen ist. Und: Wir sind viele!

 

Was hat sich für dich zum Positiven geändert, seit du offener mit deiner Erkrankung umgehst?

Dadurch, dass ich offener wurde und mich nicht mehr verstellen und verstecken musste, konnte und kann ich auf andere Menschen zugehen, mich auf echte, wohlbringende Beziehungen einlassen und jene hinter mir lassen, die mir nicht gut taten. Und dann habe ich sehr viele spannende und bewegende Geschichten erlebt, erzählt bekommen oder sie sind mir persönlich „zugeflogen“. Immer mit den Menschen verbunden. Und mit einigen von ihnen verbindet mich inzwischen eine innige Freundschaft.

So lässt sich abschließend sagen: Auch wenn sich manche Türen geschlossen haben (wie es ganz einfach manchmal ist), so sind doch so viele andere aufgegangen und lassen mich staunen, zu welch neuen Ufern wir steuern können, ohne Angst haben zu müssen.

Heute kann ich zeigen, was in mir steckt. Ich habe den Mut zur Veränderung, und den Mut zu meiner persönlichen Freiheit. Ich kann auch zeigen mit unserem Projekt #Mutmachleute, dass wir nicht Menschen mit einem Defizit, sondern mit besonderen Fähigkeiten sind. Und ich mittendrin. Ich kann laut sagen: Nein. Ich lasse mich nicht stigmatisieren. Ich bin ein Mensch unter vielen anderen!

 

Was wünschst du dir für deine persönliche Zukunft?

Ich bin dankbar für meine psychische Stabilität, für meine Familie und meine Freunde. Ich wünsche mir, dass es ihnen ebenso wie mir weiter gut gehen wird.

Es wird sicherlich auch weiterhin Tage geben, an denen ich im Begriff bin Richtung Höhenflug zu starten, ebenso wie Tage, an denen gar nichts mehr geht.

Ich wünsche mir, dass ich mich dann erinnern werde an meine Fähigkeiten und Ressourcen – und meinen unbändigen Mut, die Beine in die Hand zu nehmen und weiterzumachen, komme was da wolle.

Ich wünsche mir weiterhin diese Stabilität – nicht zuletzt auch dafür, jederzeit für andere da sein zu können.

 

Tina ist zusammen mit Anna und Max Initiatorin und Gründerin des Projekts #Mutmachleute und vom ersten Moment an mit dabei. Ihr Beitrag erschien am Tag des Launchs (26. Januar 2018) der Mutmachleute.